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„Deutschland 09“ – Eine Filmkritik

Deutschland 09Am Ende der Berlinale einen überlangen Omnibusfilm mit 13 kurzen Filmen von deutschen Regisseuren zu sehen, die sich Gedanken zur gegenwärtigen Lage der Nation machen – das fühlt sich etwa so an, wie der ganze Festival-Wettbewerb im Schnelldurchlauf. Man freut sich mitunter – und fühlt sich nicht selten vorsätzlich oder fahrlässig mit unausgereiften oder von Anfang an zu fest gefügten Ideen gequält. Unter den dreizehn Filmen von „Deutschland 09“ (Wettbewerb, außer Konkurrenz) finden sich unterhaltsame, halbgeglückte, enervierende, kontemplative, rein pointenorientierte, prätentiös politische, angestrengt symbolische, einladend kathartische und distanziert dokumentarische, ein nachgefilmtes Zeitungsinterview und Nachrichten von der Rückseite des Mondes. Es gibt keinen roten Faden, und außer dem Wissen, dass keiner der Beiträge mehr als 13 Minuten dauert, insgesamt auch wenig Trost. Ziemlich erschöpft und depressiv wirkt das Gesamtbild, als würden die Produzenten des Films Deutschland nur noch eine kurze Lebenserwartung einräumen.

Bemerkenswert: Romuald Karmakar lässt sich von einem Sexclubbesitzer u.a. von Stuhlbeinen im Anus seiner erregten Kunden erzählen, Isabelle Stever beobachtet mit schöner Genauigkeit Mikroprozesse im Klassenrat in einer Münchner Grundschule, Angela Schanelec blickt in die Morgendämmerung, Dani Levy beweist hübsche Selbstironie. Vier Filme, die verglichen mit anderen „Deutschland 09“-Beiträgen konzentriert und überlegt wirken. Kohärenz sucht man in diesem Projekt auf irgendeiner übergreifenden Ebene ohnehin vergeblich.

Viele der Kurzfilme erwecken jedoch schon in sich den Eindruck des nur Halbfertigen, wie Nicolette Krebitz’ durchaus amüsant eingeleitetes Aufeinandertreffen von Ulrike Meinhof und Susan Sontag, das zu kaum mehr als einem notdürftigen Klischee-Satz-Austausch führt. Andere versinken mit blasiertem Vortragston in der Analytik von Architekturgeschichte wie Dominik Graf oder begnügen sich damit, die FAZ-Redaktion und -Leserschaft einer privaten Hinrichtungsphantasie zu unterwerfen wie Hans Steinbichler in seinem Beitrag. Die Pressekonferenz verstärkte den Eindruck des Beliebigen und Ungenauen noch weiter, gerade Fatih Akin und Hans Weingartner, deren schlichte Filme am deutlichsten eine politische Agenda verhandeln wollen, schwächelten in ihren Redebeiträgen auch am stärksten. Zu Deutschland 2009 lässt sich in einem langen Film doch sehr viel mehr sagen als in 13 kurzen.

Text: Robert Weixlbaumer

Deutschland 09 – 13 kurze Filme zur Lage der Nation Deutschland 2009, Regie u.a. Dani Levy, Dominik Graf, Fatih Akin; Darsteller: Benno Fürman, Jasmin Tabatabai, Anneke Kim Sarnau u.a.; Farbe

Kinostart: 26. März 2009

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