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Deutschland im RAF-Trauma

Die Stars aus Die Rote-Armee-Fraktion ist immer noch in der Lage, schlimmen Schaden anzurichten. Eines der prominentesten Opfer im aktuellen deutschen Herbst ist Frank Schirrmacher. Nach Sichtung des RAF-Films veröffentlichte der Herausgeber in seiner „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ einen Text, der zwischen Größenwahn und Heulsusigkeit pendelte. Schirrmacher betrachtet den Baader Meinhof Komplex nämlich als „eine Befreiung von der Erziehungsdiktatur“, und man würde natürlich schon gerne wissen, welche Erziehungsdiktatur gemeint ist und was sie unterrichtet. Aber Schirrmacher redet auf über 400 Zeilen nur in Zungen, als sei der Heilige Eichinger in ihn gefahren: „Die waren unzufrieden? Sind wir auch. Gelitten? Wir auch. Idealisten? Wir auch. Verletzt? Wir auch.“

Überhaupt entwickelte sich in den Tagen vor dem Kinostart eine anschwellende Gespensterdebatte. Reihum fuhren viele Medien Augenzeugen, Betroffene und Leibhaftige auf. Der Ex-Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel talkte bei Anne Will, der Ex-Innenminister Gerhart Baum schrieb für die Zeit, der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock parlierte mit dem Deutschlandfunk. Es war wie ein riesiges Ehemaligentreffen. Wer keinen Ehemaligen auftun konnte, ließ Söhne von RAF-Opfern über ihr Kinoerlebnis berichten. Michael Buback war für „Focus“ im Einsatz, Jörg Schleyer machte es für die „Bild“, und Clais von Mirbach erzählte dem „Tagesspiegel“ und auch „Anne Will“, wie es war, im Kino die Ermordung des eigenen Vaters zu sehen. Gleichzeitig mischte sich die Meinhof-Tochter Bettina Röhl mit ihrem Blog auf welt.de in das Geschehen ein. Der Baader Meinhof Komplex war da schon lange kein Film mehr, sondern eine öffentliche Gruppentherapie mit Millionen von Teilnehmern. Halb Deutschland ist im RAF-Trauma, Schirrmacher nur einer von vielen.

In dieser spiritistischen Großsitzung war es nur konsequent, dass die Schauspieler auf einmal keine Schauspieler mehr waren. Johanna Wokalek mutierte zum Medium von Gudrun Ensslin und sollte mit der Welt der Toten Verbindung aufnehmen. In Wokalek-Interviews ging es fast nur noch darum, wie die Gudrun denn so war. Auch Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck waren in Sachen Baader-Meinhof- Channelling unterwegs, mit dem uns die Stimmen von Andreas und Ulrike aus dem Jenseits übermittelt werden sollten. „Über die Stimme habe ich sie reingeholt zu mir“, verriet Martina Gedeck dem „Spiegel“. Die Eichinger-Aust-Bewegung führt direkt in den Irrsinn. Jetzt hilft nur noch eins: ins Kino gehen und „WALL·E“ kucken.

Text: Volker Gunske

Foto: NDR Wolfgang Borrs 


Der Baader-Meinhof-Komplex im Kino

Filmkritik zum Baader-Meinhof-Komplex

Interview mit Alexander Kluge zum Deutschen Herbst

 

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