Kino & Stream

Die 50. Viennale gab sich geschichtsbewusst

Wolf Suschitzky

Wer am Anfang da war, der konnte Michael Caine sehen, den bodenständig gebliebenen Weltstar aus demselben Südlondoner Arbeiterviertel, in dem auch Charlie Chaplin geboren wurde. Wer aber zur zweiten Halbzeit der diesjährigen Viennale da war, der konnte Wolf Suschitzky (Foto) erleben, den mittlerweile hundertjährigen Kameramann, der unter anderem auch für die dokumentarisch dichten Bilder jenes Films mit Michael Caine verantwortlich zeichnet, der einen Schritt auf dessen Weg zum Weltstar markierte: den britischen Unterwelt-Klassiker „Get Carter“ – nach dessen Galavorführung Suschitzky noch eine Stunde lang dem Filmhistoriker Michael Omasta Rede und Antwort stand.
Ein Kreis schloss sich, nicht der einzige. Suschitzky floh als Sohn eines linksengagierten Juden 1938 vor den Nazis aus Wien nach England. Fritz Lang wiederum, 1890 in Wien geboren, ging 1933 über Frankreich in die USA, nachdem Goebbels ihm die Führung der deutschen Filmindustrie angetragen hatte. Lang war die diesjährige Retrospektive des Festivals gewidmet. So war die Erinnerung an die Geschichte einmal mehr ganz gegenwärtig.
Das galt auch für die neuen Filme, etwa den österreichischen „Meine keine Familie“, in dem sich Paul-Julien Robert mit seiner Kindheit in Otto Mühls AAO-Kommune auseinandersetzt und damit dem Terror ein Gesicht gibt, oder Jem Cohens „Museum Hours“, der unbändige Lust weckt, das, was man da über Brueghels Gemälde erfährt, bei einem Besuch im Kunsthistorischen Museum selber zu überprüfen. Und dass die mit Cohen befreundete Musikerin Patti Smith (die diesen Film finanziell unterstützte) am Abend vor der Premiere von „Museum Hours“ ein kleines, intimes Konzert plus Dichterlesung im Metro-Kino gab, war das i-Tüpfelchen.
Auch Berlin leistete in diesem Jahr seinen Beitrag zum Gelingen der „Viennale“: mit einem Programm, in dem Jörg Buttgereit „schaurige Wesen aus einer fremden Welt“ vorstellte und mit launigen Einführungen versah.

Text: Frank Arnold

Mehr über Cookies erfahren