• Kino & Stream
  • „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“ im Kino

Kino & Stream

„Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“ im Kino

„Nur Idioten ändern sich nicht“, sagt Otto Schily. Christian Strö­bele, der das so wohl nicht unterschreiben würde, sagt, er selber habe schon als kleiner Junge ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden gehabt. Horst Mahler dagegen sucht den exzessiven Widerspruch, wo er kann, vom radikalen Linken wurde er zum RAF-Terroristen und noch später zum Rechtsradikalen.
Ein Foto war der Ausgangspunkt für „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte„. Entstanden ist es 1972. Es zeigt zwei junge Männer in Anwaltsroben, Ströbele und Schily, und dazwischen, auf der Anklagebank, ihren Mandanten, mit dem gemeinsam sie jahrelang die sich radikalisierende deutsche Linke verteidigt hatten: Es ist Horst Mahler, ihr Anwaltskollege, dem da wegen Un­terstützung der RAF der Prozess gemacht wird.
Birgit Schulz’ Film verknüpft Interviews mit Schily, Ströbele und Mahler mit altem Filmmate­rial und bestätigt auf den ersten Blick das Bild, das man sich von den dreien macht: Schily erscheint als Machtmensch, der als RAF-Anwalt in Stammheim ein ebenso unbedingter Verteidiger des Rechtsstaates war wie später, als er ihn als Law-and-Order-Minister massiv aufrüstete. Von den Grünen wechselte er zur SPD, und auch nach seinem Abschied aus der Bundespolitik pflegt er noch die raumgreifenden Gesten und die Rhetorik des Berufspolitikers. Ströbele, der unbeirrbar aufrechte Linke, ist heute noch eine Grünen-Galionsfigur. Im September wurde er mit 47 Prozent der Stimmen in Friedrichshain-Kreuzberg erneut mit einem Direktmandat in den Bundestag gewählt. Dazwischen immer wieder Mahler, dessen Entwicklung Schily „eine Tragödie“ nennt, während Ströbele sagt, zu Mahler falle ihm nichts ein.
Der Film unterminiert aber auch das Bild, das man sich von diesen dreien macht. Wenn Schily in einer Bundestagsrede beim Nachdenken über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus persönliche Anmerkungen zu seiner Familiengeschichte und der seiner Frau macht und ihm dabei wiederholt die Stimme versagt. Oder wenn Mahler sich mit analytischem Verstand über Schily äußert, andererseits aber wirre State­ments zur deutschen Nation von sich gibt. „Eine Erklärung ist sicher­lich, dass sich Mahler immer bemüht hat, die für ihn größtmög­liche Widerstandsposition zu diesem Staat einzunehmen“, sagt Birgit Schulz. „Seine Eltern waren glühende Nationalsozialisten, sein Vater hat sich deshalb in der Nachkriegszeit umgebracht.“ Mahler war in der HJ, in einer schlagenden Verbindung, in der SPD, im SDS, schloss sich der RAF an, wurde später NPD-Mitglied und Gründer des „Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“.
„Ich kenne keine andere Biografie, bei der jemand so viele extreme Systeme durchlaufen hat“, sagt Schulz. Auch deshalb hat sie ihrem Film den generalisierenden Un­tertitel gegeben. „Für mich ist es eine deutsche Geschichte, weil die Biografien der drei ganz geprägt sind von der Erfahrung des Nationalsozialismus. Ende der 60er Jahre sind sie höchst motiviert, sich über eine Gesellschaft Gedanken zu machen, die sich davon komplett abhebt. Das Ziel war schon auch, dass man über diese drei Biografien ein Stück deutscher Geschichte noch einmal vor Augen geführt bekommt.“
1970 war Mahler in den Untergrund gegangen, 1975 sagte er sich von der RAF los – seine Freilassung im Austausch gegen den entführten Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz lehnte er ab und erklärte, die RAF habe sich von der Arbeiterklasse, in deren Name sie handele, längst weit entfernt. Diese öffentliche Erklärung ist nur eines der zahlreichen aufschlussreichen Bilddokumente, die der Film aus den Archiven geholt hat.
Das Bild des Gerichts kehrt immer wieder: Am Ende sieht man in einem Verhandlungssaal drei einander zugewandte Stühle. Auf der Leinwand allerdings findet der Dialog zwischen den drei Männern nur über den Filmschnitt statt. Mit dem wegen Holocaust-Leugnung verurteilten Horst Mahler wollen die beiden anderen nicht reden. Miteinander auch nicht unbedingt. Immerhin erklärten sich Schily und Ströbele bereit, bei der Berliner Vorpremiere Ende Oktober gemeinsam aufzutreten. Viel zu sagen hatten sie einander nicht.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“ im Kino in Berlin

Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte, Deutschland 2009; Regie: Birgit Schulz; Farbe, 94 Minuten

Kinostart: 19. November

Mehr über Cookies erfahren