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Die Causa Jafar Panahi

In Film NistWährend der Tag voranschreitet, gewinnt das Datum der Dreharbeiten mehr und mehr Bedeutung. Chaharshanbeh-suri, das Fest des Feuers, ist Teil eines jahrtausende alten Brauchtums, viel älter als der Islam, zurückreichend in die Religion des Zoroastrismus. Die iranischen Theokratie vermag die Feuer auf den Straßen und die daran geknüpften gemeinschaftlichen Rituale nicht aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, was das Fest, das am Dienstag beginnt und bis zum Morgen des letzten Mittwochs vor dem Neujahrsfest Nouruz dauert, auch zum manifesten Ausdruck für das vorhandene Widerstandspotential der iranischen Gesellschaft macht.
Einer der unausrottbaren Bräuche besteht darin, von Tür zu Tür zu gehen und Gaben einzusammeln. Ein bizarrer Zufall beschert Panahi am Ende des Films die Begegnung mit einem jungen Mann, der sich als Hausmeister von Wohnung zu Wohnung bewegt, um eine andere Art von Gabe, den Müll der Nachbarn, abzuholen. Was zuerst auch für den Zuschauer aussieht, wie eine bedrohliche Bespitzelung, gewinnt wie so vieles in „In film nist“ schnell eine neue Bedeutung.
In Film NistDer junge Mann ist Absolvent der Medienwissenschaften, Teil des arbeitslosen, intellektuellen Prekariats, das im Iran nach einem Platz sucht – und er hatte Dienst in der Nacht, als Panahi verhaftet wurde. Er schließt den Kreis des Films und öffnet ihn zugleich noch einmal weit nach außen. Panahi folgt ihm, nun selbst wieder Kameramann, im Aufzug Etage für Etage auf dem Weg durchs Haus, er begegnet noch einmal Mickey, dem nervösen Dackel, und landet schließlich im Hof. Es ist inzwischen Abend geworden, auch vor dem Apartmentblock brennen Feuer auf der Straße, in die immer weiter Benzin gegossen wird, während im Hintergrund Feuerwerkskörper krachen. Es sind Szenen, die an einen Bürgerkrieg erinnern, und die auch mindestens ein Teil der Feiernden als bewusst gesetztes Statement gegen das herrschende Regime versteht. In Asghar Farhadis „Chaharshanbe-soori“ (Fireworks Wednesday, 2006) waren diese Bilder noch ein Spiegel für die innere Unruhe des Helden, der am Ende des Films unglücklich mit den Widersprüchen seiner Doppelmoral zurückbleibt. In Panahis und Mirtahmasbs Film sind es Zeichen, die zugleich auf etwas Älteres und auf etwas Kommendes verweisen. Als „In film nist“ in Cannes Weltpremiere feierte, gab Mojtaba Mirtahmasb den Zuschauern im Saal vorab nur ein Zarathustra-Zitat mit auf dem Weg: „Um die Dunkelheit zu bekämpfen, braucht man kein Schwert, sondern eine Kerze“.
Monate waren seitdem vergangen, ohne dass sich die Frage von Panahis Verurteilung auf juristischer Ebene abschließend geklärt hätte, doch nun hat das Berufungsgericht das drakonische Urteil gegen den Regisseur bestätigt, nur wenige Tage, nachdem sein Regiekollege Mojtaba Mirtahmasb verhaftet wurde. Panahi kann nur noch Berufung gegen das Urteil beim Obersten Gerichtshof einlegen. Der neue Film über ein Minenräumkommando an der ehemaligen iranisch-irakischen Frontlinie, an dem er offenbar arbeitete, ist damit weiter denn je von seiner Realisierung entfernt. „Jeder“, sagte Abbas Kiarostami, im Interview, als wir ihn Ende Juli nach Panahis Schicksal gefragt hatten, „muss seinen eigenen Weg finden“ – und wollte da noch daran glauben, dass das Urteil nicht vollstreckt würde. Doch die iranische Politik hat bewiesen, dass sie doch noch viel brutaler agiert, als viele es sich ausmalen wollten.

Text: Robert Weixlbaumer

[1] Der offene Brief von Jafar Panahi steht auf der Seite der Berlinale online: www.berlinale.de

[2] In der Diskussion, die das Premieren-Screening von „In Film Nist“ im Mai 2011 in Cannes ergänzte, wies auch Serge Toubiana, Direktor der Cinйmathиque Française, auf die zersplitterte Machtstruktur im Iran hin, in der auch die Causa Panahi zu sehen ist: „In reality, Iranian society is very complex. For a long time cinema has been associated with the education of children, without any political perspective. Today, cinema has become an element of resistance. Opposite us, there’s a Minister of Culture, a deputy Minister, a Head of Cinema. But above that, there’s power and justice and the police, and again above that there’s religious power. Today, there are differences and struggles between politics and religion.“ Quelle: www.Festival-Cannes.fr

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