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Die dokfilmwoche präsentiert 18 Produktionen

Die dokfilmwoche präsentiert 18 Produktionen

Das Dorf Kücük Otlukbeli liegt weit im Osten der Türkei am Ende einer Straße. Von hier gehen die Leute eher weg, kaum einmal kommt jemand. Der Großvater von Serpil Turhan aber ist gekommen. Er ist zurückgekommen. Er hat ein Haus gebaut an dem Ort, den er vor 40 Jahren mit seiner Frau verlassen hat. Die Lebensreise hat sie nach Berlin geführt, später auch nach Istanbul und in ein Haus am Meer. Das klingt nach einem reichen Leben. Aber Serpil Turhan, die einen Film über die Geschichte ihrer Familie gemacht hat, dementiert: „Sie haben nicht viel gewonnen auf dieser Reise. Sie haben vor allem unglaublich viel gearbeitet. Es ist viel passiert, was schmerzhaft war. Das wollte ich zeigen in einem Film über das Leben, über mehrere Generationen.“
Mit dem Titel deutet die in Berlin geborene Filmemacherin auch schon eines der zentralen Themen an, die sich aus dieser Lebensbewegung ergeben. Ihr Film heißt „Meine Zunge dreht sich nicht“ (Foto). Bei der Kreuzberger dokfilmwoche gibt es nach dem Festival achtung berlin neuerlich Gelegenheit, ihn zu sehen. Die Zunge, die sich nicht dreht, verweist auf sprachliche Schwierigkeiten zwischen drei Generationen, die auch zwischen drei Sprachen pendeln. „Unsere Dialogsprache ist Türkisch. Es gibt ein Herz-Interview in dem Film. Ich nenne das so, denn es war für mich im Schnitt das Wichtigste. Da sprechen wir über unsere sprachlichen Barrieren. Der Wortschatz, den wir teilen, ist nicht so reich, als wenn wir beide die gleiche Muttersprache hätten. Wir müssen aber auch manchmal gar nicht sprechen, sie ist ja meine Mama. Meine Oma spricht im Dorf mit ihrer Schwester immer Kurdisch, hat diese Sprache aber auch teilweise verloren.“
Vor einigen Jahren hat Serpil Turhan schon einmal einen Film über ihre Großeltern gemacht. Er ist acht Minuten lang und verzichtet auf Gespräche. Sie hat sich mit diesem Versuch bei Filmhochschulen beworben und ist schließlich in Karlsruhe an der Hochschule für Gestaltung gelandet. „Dort gibt es kein Filmstudium im engeren Sinne, sondern ein breit gefächertes Medienkunststudium. Ich habe in Karlsruhe bei Thomas Heise dann aber doch sehr intensiv Dokumentarfilm studiert. Es war ein bisschen mein Glück, dass er damals gerade an die Schule kam. Er hatte einen unglaublichen Einfluss auf meine Arbeit.“
Das dokumentarische Filmemachen musste Serpil Turhan erst für sich entdecken. Ihr hätte auch eine Karriere als Schauspielerin offengestanden. Auch wenn sie selbst das anders sieht. „Ich würde mich als Laiendarstellerin bezeichnen, weil Schauspielerin bin ich ja nie geworden. Ich war 16, als ich zum ersten Mal in einem Film von Thomas Arslan gespielt habe. An einer Schauspielschule war ich nicht.“ Die Berliner Trilogie, die Thomas Arslan zwischen 1997 und 2001 drehte („Geschwister“, „Dealer“, „Der schöne Tag“), zählt zu den Höhepunkten der damals noch nicht als solche begriffenen Berliner Schule, und Serpil Turhan hat sie mit ihrer Präsenz maßgeblich geprägt. „Ich würde nicht grundsätzlich sagen: Ich spiele nie wieder. Aber die meisten Angebote sind sowieso viel zu einschlägig. Oft soll man eine türkische Fatima spielen, die Rollen waren fast immer Klischeekram.“ Wann kam sie auf den Gedanken, selbst Filme zu machen? „Ich habe Theaterwissenschaften und auch ein bisschen Erziehungswissenschaften studiert, das aber irgendwann abgebrochen und angefangen, Kurzfilme zu machen. Bei dem Porträt über meine Großeltern habe ich bemerkt, dass es das ist, was ich wirklich machen möchte. Nun schließt sich der Kreis, weil mein Abschlussfilm in Karlsruhe wieder meine Familie zum Gegenstand hat.“
Bei dem großen Vertrauen, das Serpil Turhan in die Gesprächssituationen setzt, könnte man fragen, ob sie vielleicht die dokumentarischen Möglichkeiten der Bildgestaltung unterschätzt. „Für mich ist Sprechen immer das Wichtigste. Daraus kommen die Bilder. Ich möchte Menschen in ihrem Lebensraum zeigen. Ich habe zweimal selbst die Kamera gemacht, da war mir wichtig, intime Momente zu haben.“
Diese aus der Qualität persönlicher Begegnungen heraus bestimmte Ästhetik dürfte wohl auch das nächste Projekt von Serpil Turhan prägen. „Ich arbeite gerade an einem Porträt über den Filmemacher Rudolf Thome, bei dem ich mehrmals Regieassistenz gemacht und auch gespielt habe. Er lebt auf seinem Bauernhof und hat eigentlich noch ganz,  ganz viel zu sagen. Zwei Produzentinnen aus München, beide Anfängerinnen wie ich, haben ohne Förderung in der Tasche begonnen. Ich drehe das allein, so war es nicht so ein großes Risiko.“
Das Gespräch endet mit einer Empfehlung von Serpil Turhan für die dokfilmwoche: Sie mag den Film „Ödland – Damit keiner das so mitbemerkt“ von Anne Kodura. „Da gibt es wunderbare Beobachtungen und Szenen mit Kindern, die fast unwirklich sind, traumhaft und berührend.“

Text: Bert Rebhandl

Foto: Dokumentarfilmwoche Kreuzberg

dokfilmwoche: 18 Filme in sieben Tagen: Das ist das geballte Angebot der dokfilmwoche, die vom 28.8. bis 3.9. in den Kinos fsk und Sputnik stattfindet. Darunter sind extreme Erfahrungen wie quot;strong>Sickfuckpeople“, für den Juri Rechinsky in die Drogenkeller von Odessa gegangen ist, oder aber ruhige Beobachtungen wie das Architektenporträt „Sauerbruch Hutton“ von dem kürzlich verstorbenen Harun Farocki. Die Österreicherin Bernadette Weigel hat in „Fahrtwind – Aufzeichnungen einer Reisenden“ eine Expedition in den weiten Osten zu einem Bild- und Tongedicht verarbeitet. Und Sabine Herpich & Diana Botescu geben mit „Zuwandern“ einen Einblick in das Leben von Menschen, die in Deutschland unter das Stichwort „Armutsmigration“ fallen.

Das ganze Programm der dokfilmwoche finden Sie hier.?

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