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Die Doku „Harlan – Im Schatten von Jud Süß“ im Kino

Zeitgeschichte als Familiengeschichte: Wie geht man damit um, wenn man einen Namen trägt, der auch der Name jenes Filmregisseurs ist, der mit „Jud Süß“ den übelsten antisemitischen Spielfilm des Dritten Reiches drehte?
Zwölf Nachfahren von Veit Harlan kommen im Film von Felix Moeller („Knef – Die frühen Jahre“, „Die Verhoevens“) zu Wort – Söhne, Töchter und Enkelkinder. Die Letzteren stehen sich näher als die Eltern, bei denen ein deutlicher Riss durch die Familie geht. Auf der einen Seite der Sohn Chris­tian, der es „schäbig“ nennt, dass sein Halbbruder Thomas sich gewissermaßen mit der öffentlichen Kritik am Vater profiliert habe. Auf der anderen Seite eben dieser Thomas mit seiner bewegten Vita, der sich erst am Sterbebett des Vaters, 1964, etwas mit ihm versöhnte und in seinen Arbeiten, etwa dem quälenden Film „Wundkanal„, immer wieder mit dem Harlan-Erbe auseinandergesetzt hat.
Es ist eine Familiengeschichte voller Verdrängungen, Rechtfertigungen oder auch hilfloser Versuche einer privaten Wiedergutmachung, so heirateten die beiden Töchter von Veit Harlan nach dem Krieg jüdische Männer. Darüber hätte man gern mehr erfahren, auch wenn die nüchternen Analysen der Enkeltochter Jessica Jacoby einiges anklingen lassen. Doch der Film bietet einfach zu viele Gesprächspartner auf und kann deren individuellen Biografien in der Kürze der Zeit nicht gerecht werden. Er kann die unterschiedlichen Verarbeitungsformen des Familienerbes nur gegeneinandersetzen. Das gelingt ihm in seiner Montage, aber den meisten Gesprächspartnern hätte man gern einmal über die kurzen Statements hinaus länger zugehört.
Es wäre sicherlich verkehrt, diese Dokumentation an jenen Arbeiten zu messen, mit denen Filmemacher mittels bohrender Fragen die eigenen Familiengeschichten im Dritten Reich aufgearbeitet haben, allen voran Malte Ludins „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“. Denn Moeller will auch noch Harlan selbst und dessen dritter Ehefrau und Hauptdarstellerin Kristina Söderbaum gerecht werden – beide kommen in älteren Fernsehinterviews kurz zu Wort, beide sind in Wochenschau-Aufnahmen und Home Movies zu sehen. Dazu gibt es knappe, aber erhellende Ausführungen von Stefan Drössler, dem Leiter des Münchner Filmmuseums, der eine filmhistorische Einordnung unternimmt, auf den melodramatischen Kern bei Harlan eingeht und auf die Kontinuität in seinen Nachkriegsfilmen verweist. Weniger wäre vermutlich mehr gewesen.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung:
Zwiespältig

Harlan – Im Schatten von Jud Süß, Deutschland 2008; Regie: Felix Moeller; Farbe, 100 Minuten

Kinostart: 23. April 2009

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