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Die Dokumentation „Elektrokohle (Von Wegen)“ im Kino

Elektrokohle (Von Wegen)Regisseur Uli M. Schueppel war Ende 1989 zur rechten Zeit am richtigen Ort, er begleitete die Einstürzenden Neubauten auf ihrem kurzen Weg zum ersten Konzert im frisch geöffneten Ostberlin. Vom Schöneberger Cafй M aus, wo der ausgeschlafene Blixa Bargeld bereits wartet, werden die restlichen Musiker per Kleinbus eingesammelt, über Kreuzberg – hier steht die bunte Mauer noch, und der statusbewusste Türke fährt klobigen Granada und nicht S-Klasse – geht es zum Check­point Charlie. Fast vergessener Alltag von „Ostbesuchen“ wird dabei gefilmt: das Stauen an der Grenzkontrollstelle, das zwingend penible Ausfüllen von Reisedokumenten, aufgesetzt freundliches Palavern mit der Staatsmacht, Wellblech-Tristesse.
Ziel der Band, die hier mit Ausnahme des sich schon damals als Bildungsbürger beweisenden Bargeld eher wie eine Bande erscheint, ist das Kulturhaus des VEB Elektrokohle Lichtenberg. Auf Tuchfühlung kamen die Neubauten und ihre Bewunderer aus Ostberlin damals nicht – während die Geräuschrocker im kargen Kon­zertsaal, heute Warenlager für vietnamesische Händler, als Struk­turen aufbrechende Berserker gefeiert wurden, gab es Back­stage gepflegte Konversation und Händeschütteln mit dem jovialen Theaterheiligen Heiner Müller und einer französischen Delegation un­ter Kulturminister Jack Lang.
Schueppel hat diese Bilder mit aktuellen Interviews kombiniert, die er mit damaligen Konzertbesuchern geführt hat. Es wird in Erinnerungen gekramt, es wird die Einmaligkeit des damaligen Konzertes so kurz nach dem Mauerfall bemüht, aber man erfährt nicht viel darüber, was dieses einmalige Ereignis bis heute mit seinen Zuschauern gemacht hat. Die Zeitzeugen bleiben anonym und ihre Aussagen überwiegend im Ges­tern.
So wie damals verpasst Uli M. Schueppel es auch jetzt, einen Dia­log zwischen allen Beteiligten anzustoßen. Die Einstürzenden Neubauten kommen doch aus Berlin! Aber keiner der Musiker wird ebenfalls rückblickend gezeigt, kann Auskunft darüber geben, ob er sich so wie sein DDR-Publikum überhaupt noch an das VEB-Konzert erinnert oder vielleicht sogar wichtige Inspiraton mitgenommen hat. Am Ende bleibt der Eindruck eines weiteren Westbesuchs, der viel versprochen, aber dann doch nicht alles gehalten hat. Daran sind sicher nicht die Einstürzenden Neubauten schuld.

Text: Hagen Liebing
 
tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Elektrokohle (Von Wegen)“ im Kino in Berlin

Elektrokohle (Von Wegen), Deutschland 2009; Regie: Uli M. Schueppel; mit Blixa Bargeld, Alexander Hacke, FM Einheit, Mark Chung, Andrew Unruh, Jack Lang und Heiner Müller; Farbe, 91 Minuten

Kinostart: 28. Mai 2009

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