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Die Dokumentation „Unsere Ozeane“ im Kino

Die Dokumentationen über Ökosysteme der letzten Jahre konfrontierten ihre Zuschauer mit unbequemen Wahrheiten: Luft, Nahrung, alles vergiftet. „Unsere Ozeane“ hingegen entwirft kein wissenschaftlich un­termauertes Schreckensszenario, sondern begreift sich als hoffnungsvolle Warnung. Er bezeugt Achtung vor der Widerständigkeit der Meere, ohne jedoch zu beschwichtigen: Wenn die Indus­triegesellschaft die Artenvielfalt weiterhin bedroht wie bisher, wird die menschliche Spezies irgendwann ein Dasein in unerträglicher Einsamkeit fristen.

Das wichtigste Argument ist die Schaulust. Die Schönheit besitzt in der Dokumentation von Jacques Perrin und Jacques Cluzaud ein moralisches Mandat. Einem so machtvollen Element wie dem Meer wollen sie im Erzählgestus permanenter Überwältigung gerecht werden. Die Mission wäre gescheitert, wenn nicht jede Einstellung Begeisterung, Faszination und das Hochgefühl wecken würde, Teil der Schöpfung zu sein. Mit unerhörtem logistischem Aufwand haben die Filmemacher 80 unterschiedliche Gattungen begleitet und dabei auf die avanciertes­ten Techniken zurückgegriffen, um mit deren jeweiligem Temperament und ihrer Geschwindigkeit mithalten zu können. Die wichtigste Tugend bei dieser filmischen Wette, die Flora und Fauna der Meere so zu zeigen, wie man sie nie zuvor zu sehen und zu hören bekam, ist freilich die Geduld. Wie viele Expeditionen, Stunden, Tage und Wochen wird es gekostet haben, bis die Akteure vor der Kamera so agieren, als folgten sie präzisen Regieanweisungen?

In seinen schönsten Momenten ist „Unsere Ozeane“ ein hinreißender Ballettfilm. Seine erschütterndsten Passagen mochte der deutsche Verleih dem Publikum nicht zumuten. In ihnen sieht man, mit welch unfassbarer Grausamkeit Haie und Delfine zerstückelt werden. Sie sind natürlich nachgestellt. Kein Tier ist zu Schaden gekommen, die Filmemacher haben Sorge getragen, sich nicht mit Barbaren gemein zu machen. In der Originalfassung fungieren die Szenen wie eine Ohrfeige. Warum sollte deren ethische Wucht auf deutschen Wangen unwillkommen sein?

Text: Gerhard Midding
Foto: Pascal Kobeh


tip-Bewertung:
Sehenswert

Termine: „Unsere Ozeane“ im Kino in Berlin

Unsere Ozeane (Oceans), Frankreich 2009; Regie: Jacques Perrin und Jacques Cluzaud; Farbe, 100 Minuten;
Kinostart: 25. Februar

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