Komödie

„Die feine Gesellschaft“

Die Mystik des Menschlichen – Bruno Dumont seziert humoristisch „Die feine Gesellschaft“

Foto: Neue Visionen Filmverleih
Foto: Neue Visionen Filmverleih

Bei eitlen Leuten hat man manchmal das Gefühl, dass sie sich aufblasen. ­Selten hat das aber einmal jemand so wörtlich genommen wie Bruno Dumont, der in seinem neuen Film „Die feine Gesellschaft“ einen Kommissar in die Luft fliegen lässt. Im Grunde müssten in dieser grotesken Komödie eine ganze Menge Leuten davonschweben, denn sie benehmen sich skandalös.
Menschen der „feinen“ Gesellschaft auf Urlaub am Meer, in dieser Gegend an der Kanalküste im Norden Frankreichs, in der manche meinen, man fände dort ein „wahres“ Frankreich. „Es ist eine Landschaft mit einer gewissen Harmonie, die Menschen haben Charakter“, erzählt Dumont beim Interview in Berlin. Dieser Charakter zeigt sich aber auf eine sehr spezielle Weise.
„Die feine Gesellschaft“ ist eine Groteske. Im Urlaub macht man sowieso nicht immer nur gute Figur, aber das, was Dumont hier veranstaltet, könnte man leicht als reine Übertreibung sehen. Das wäre ein Missverständnis. Schon das ursprüngliche Motiv für seinen Film hat etwas Dokumentarisches. „Ich fand dieses Bild auf alten Postkarten: ­Fischerleute tragen die reichen Feriengäste auf ihren eigenen Schultern zum Meer.“ ­Daraus entwickelte sich eine Geschichte über eine Liebe zwischen zwei jungen Leuten: Ma Loute Brufort, aus einfachen Verhältnissen, und Billie Van Peteghem, Tochter aus reichem Haus. Dann gibt es einen Todesfall, und zwei Inspektoren treten auf den Plan.

Vor zwei Jahren hatte Bruno Dumont mit der Fernsehserie „Kindkind“ („P’tit Quinquin“) einen Überraschungserfolg. Sie brachte eine Wende zum Komischen bei ­einem Filmemacher, der seit „La vie de Jesus“ und „L’humanité“ als radikaler Eigenbrötler galt. Im Gespräch erweist er sich als ausgesprochener Intellektueller. Er kann bestens begründen, dass seine Wende zum Komischen gar keine ist. Dumont vervollständigt einfach seine Ästhetik, die nun besser seinem Menschenbild entspricht.
Das wichtigste Stichwort ist „Zweideutigkeit“ („ambiguité“). „Die Welt ist tragikomisch, weil sie auf zwei Beinen steht. Es gibt im Abendland aber eine große Tendenz, alles möglichst ins Einheitliche aufzulösen. Da muss dann jeder seiner Klasse angehören, und man beginnt auseinanderzudividieren. Ich bin kein Marxist, ich glaube nicht an Klassen, ich glaube an die menschliche Natur.“ Ma Loute und Billie haben so ihre Schwierigkeiten mit dieser Natur, vor allem der Junge ist von der Androgynität oder Bisexualität seiner reichen Freundin überfordert. Das müsste eigentlich ein fürchterliches Ende nahelegen, doch Dumont hebt es auch wieder auf, ganz im Sinne seiner „Mystik des Menschlichen“.

Tolle Schauspieler wie Fabrice Luchini oder Valeria Bruni-Tedeschi zeigen sich hier mit Mut zur Peinlichkeit, und Juliette Binoche ist stellenweise kaum wiederzuerkennen, so sehr spielt Dumont mit seinem Ensemble ein Spiel der Übertreibungen – das er aber eben nicht für übertrieben hält, sondern für die einzig richtige Einsicht.
Für das Komische in „Die feine Gesellschaft“ gibt er den einzigen Grund an, den man im französischen Kino wirklich gelten lässt: „Weil ich besser sehe.“ Sein Blick auf die Welt wird tatsächlich immer schärfer. In ­diesem Jahr will er einen Film über Jeanne d’Arc präsentieren. Das wird dann sein Beitrag zu den Großthemen des Jahres: Nationalismus, Globalisierung, Demokratie. Bruno Dumonts Lösung: eine intellektuelle ­Mystik für das 21. Jahrhundert. Es ist eines der spannendsten Projekte im gegenwärtigen Weltkino.

Ma Loute (OT) F/D 2016, 122 Min., R: Bruno Dumont, D: Juliette Binoche, Valeria Bruni Tedeschi, Fabrice Luchini, Start: 26.1.

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