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Die Filmkritik: „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ auf der Berlinale

„Das Böse ist doch immer viel interessanter als das Gute“. Sagt Goebbels. In einem Film von Oskar Roehler. Mit wem sollte man Mitleid haben, wenn man an den Nazi-Hetzfilm „Jud Süß“ aus dem Jahr 1940 denkt? Mit den 120 jüdischen Männern und Frauen aus dem Ghetto Lublin, die Veit Harlan als Statisten einsetzte? Mit den Opfern der Hetzjagden, die der Film tatsächlich bei blutrünstigen Soldaten provozierte. Mit den Millionen deportierter und geplünderter Mordopfer, die er legitimieren wollte? Oder mit dem Hauptdarsteller Ferdinand Marian, der sein bestbezahltes Engagement, so seine Darstellung (und die seines distanzlosen Biographen Friedrich Knilli), nur sehr widerwillig übernommen hatte, aber damit zum Star wurde. In Lohn und Brot der NS-Filmwirtschaft bis Kriegsende, Darsteller etwa in „Münchhausen“ oder „Ohm Krüger“. 1946 starb er, als er betrunken mit dem Wagen gegen einen bayrischen Baum prallte.
In Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ ist die Tendenz klar: das größte Opfer ist Ferdinand Marian (Tobias Moretti) selbst, in die Rolle genötigt von Reichpropagandaminister (Moritz Bleibtreu als Moritz Bleibtreu) und vom Wunsch, seine Ehefrau (Martina Gedeck) zu schützen. Ein Mann, der nach eigener Ansicht das Gute will (künstlerisch wertvolles Kino), und unabsichtlich doch nur Propaganda fabriziert. Aber je länger man diesem Film zusieht, fragt man sich immer dringender, wie Oskar Roehler und sein unglücklicher Drehbuchautor Klaus Richter (der schon die Geschichte der Comedien Harmonists umgedichtet hat) im Jahr 2010 in einem Film über „Jud Süß“ überhaupt darauf kommen, die ambivalente Figur Marian als Opfer zu präsentieren und dafür dann auch noch die Geschichte verbiegen: aus Ferdinand Marians Schauspielergattin Maria Byk, die nach dem Krieg vor Gericht für (!) Veit Harlan aussagte, wird eine Anna (Monika Bleibtreu), die wegen ihrer jüdischen Herkunft in einem Lager ermordet wird. Als Roehlers Marian, ohnehin schon verzweifelt, damit konfrontiert und von einer Gruppe von Holocaust-Überlebenden malträtiert wird, nimmt er sich das Leben.
Oskar Roehler ist ein eklektischer Filmemacher, er adoptiert und kopiert Stile nach Belieben, wie zuletzt in „Lulu und Jimi“, der schon den Gang weiter zurück in die deutsche Geschichte probte. Man kann auch jetzt an den entfärbten Bilder von „Jud Süss – Film ohne Gewissen“ sehen, was Roehler am Projekt gereitzt haben mag. Er kopiert das Melodramenkino der Vierziger Jahre in stilvollen Interieurs, inszeniert in einem seiner durchgedrehtesten Momente eine psychoanalytische Trash-Rollenspiel-Vögelei von Marian und einer SS-Gattin („Ja, machs mir nur! Jude!!“) vor dem Panorama des brennenden Berlins und dreht „Jud Süß“-Szenen nach – Einstellung für Einstellung sind sie Kopien von Schlüsselszenen aus Veit Harlans Film. Manches davon ist im Detail reizvoll, aber immer scheint es, als verstünde Roehler selbst kein Wort von dem, was er in seinem Film verhandelt: er veranstaltet ärgstes Nazichargenverbrecher-Theater, er schwelgt im Glamour der NS-Aristokratie und sieht nebenbei der Grundsteinlegung von Auschwitz zu, ohne dass der Film, wie sein Held, davon wirklich erreicht würde. Stattdessen strickt er in seiner Anekdotensucht an der alten Legende der Täter weiter, sie wären die eigentlichen Opfer gewesen.

Text: Robert Weixlbaumer

Jud Süß – Film ohne Gewissen
19.2., 12.00, Friedrichstadtpalast
19.2., 18.00, Friedrichstadtpalast
19.2., 22.30, Urania
21.2., 23.00, Friedrichstadtpalast

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