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Die Französische Filmwoche in Berlin

Tournee

Die Karriere vom Mathieu Amalric stellt eine der erstaunlichsten Verwandlungen dar, die man in den letzten Kinojahren miterleben durfte. Für Olivier Assayas, Arnaud Desplechin und andere hat er einst verhuschte, grüblerische Charaktere verkörpert. In „Chanson d’amour“ und „Schmetterling und Taucherglocke“ jedoch hat er eine weltmännische Virilität und einen Charme offenbart, die ihn schließlich gar als Schurken für den letzten Bond-Film empfahlen. Mit „Tournйe“ (Foto oben) hat er nun, seit langem auf beiden Seiten der Kamera unterwegs, seinen dritten, furiosen Langfilm inszeniert. Er spielt den Impresario einer Truppe amerikanischer Bur­lesque Tänzerinnen, die durch französische Hafenstädte tingelt. Mit faszinierter Komplizenschaft filmt er die Kameraderie der Frauen – einige stolz abgetakelte Veteraninnen, andere feministische Überzeugungstäterinnen. Sein Blick auf ihre üppige Sinnlichkeit ist weder geniert noch voyeuristisch. Ihren Mobilitätsdrang bereichert er um robuste Melancholie. Neben Coline Serreau, die sich in „Anleitung für eine bessere Landwirtschaft“ dem Dokumentarfilm zuwendet, ist er der einzige Filmemacher der Französischen Filmwoche, der einen kühnen Registerwechsel wagt.
Zum zehnten Jubiläum präsentiert das Festival das französische Kino im Geist stolzer Konsolidierung. Es laufen zumeist Filme, die bereits einen deutschen Verleih haben: Die Parade der Vorpremieren fungiert auch als Testlauf für die Exportfähigkeit französischer Gebrauchskomödien. Auch nach Jahrzehnten wird Jean Becker nicht müde, die Segnungen des ländlichen Wohllebens zu preisen. In „Das Labyrinth der Wörter“ schildert er die ersprießlich platonische Liebesgeschichte zwischen einem ungebildeten Hilfsarbeiter (Gйrard Depardieu) und einer 95-jährigen Dame, die ihn in das Reich der Literatur einweiht. Wiederum wird pastorale Beschaulichkeit zu einer nachgerade moralischen Kategorie; in Beckers Provinz gelingt auch die Integration besser als in den großen Städten.
VegrissmichnichtYann Samuell bleibt ebenfalls seinem Leisten treu: „Vergissmichnicht“ (Foto links) ist eine Variation seines Langfilmdebüts „Liebe mich, wenn Du dich traust“, in dem bereits die Träume und Erwartungen der Kindheit zum Prüfstein des Erwachsenenlebens werden. Und auch Hubert Bonisseur de la Bath macht mit Bewährtem weiter. In „OSS 117 – Er ist sich selbst genug“ verschlägt es den Geheimagenten mit stupide selbstzufriedenem Lächeln und widerstehlichem Charme (Jean Dujardin) diesmal nach Brasilien. Das Wertesystem des jovialen Chauvinisten und Rassisten wird auf manch tückische Probe gestellt; gleichwohl ist der Witz dieser Parodie auf die James-Bond-Parodien der 60er-Jahre nicht ganz so zündend wie der erste Teil. Aber allein schon wegen der einfallsreichen Split-Screen-Sequenzen lohnt es sich, ihn auf einer großen Leinwand sehen.
Frederick Wiseman blickt in „La Danse“ neuerlich auf eine Institution, den „corps de ballet“ der Pariser Oper. Der Dokumentarfilm ragt als Solitär aus dem Programm heraus. Ein weiterer Höhepunkt ist der Abschlussfilm. Mit achtsamer Empathie erzählt Xavier Beauvois in „Von Menschen und Göttern“ vom Martyrium der sieben Trappistenmönche, die im Frühjahr 1996 im algerischen Atlasgebirge entführt und unter bislang nicht abschließend geklärten Umständen ermordet wurden. Den Klosteralltag und den Prozess der Entscheidungsfindung, ob die Mönche dem islamistischen Terror weichen sollen oder nicht, schildert Beauvois nicht aus dem Blickwinkel des Katholizismus, sondern des Respekts. Der Film wurde in Frankreich zum Kinoereignis dieses Herbstes. Sein Erfolg ist ein vieldeutiges Phänomen. Für das Frankreich der Sarkozy-Ära dürfte Beauvois’ Film freilich neben der Spiritualität noch eine andere, weniger exotische Resonanz besitzen: Er ist ein Plädoyer für den furchtlosen Dialog.

Text: Gerhard Midding

Französische Filmwoche, 1. bis 8. Dezember, Cinema Paris, FT am Friedrichshain, Passage Neukölln

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