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Die französische Komödie „Paulette“ im Kino

Paulette

Einst war es Paulette, die maßgeblich zur genüsslichen Atmosphäre an den Pariser Kaffeetafeln beitrug. Davon zeugen Erinnerungen in nostalgischen Sepiatönen, die Regisseur Jйrфme Enrico seiner Komödie „Paulette“ vorausschickt: Als junge Frau in der ersten eigenen Konditorei posiert Paulette als Koryphäe im Glasieren, drapiert Beeren und zieht die perfekte Schokoschnur. Im Hintergrund Familienglück im Retrolook: ein musizierender Ehemann, niedliche Kinder, die gerade Laufen lernen, der neueste Renault, Baujahr 1972. Schöne Tage waren das.
Das heutige Paris hat für Paulette hingegen nichts mehr mit den lieblichen Aufnahmen gemein. Als Witwe lebt sie in einem Hochhaus-Appartement am Rande der Stadt, die Konditorei wird nunmehr von einem asiatischen Inhaber als Restaurant betrieben und generell scheint der französische Staat vor die Hunde gegangen zu sein – Paulettes Rente ist mickrig, und wer hat eigentlich all diese Ausländer ins Land geholt? Kein Grund zur Freude also. Und von der hat die wüste Madame auch herzlich wenig zu verbreiten. Ein Giftpfeil jagt den nächsten, gleich ob gealterter Casanova aus der Nachbarschaft, der Paulette doch nur einmal zum Essen ausführen möchte, oder die demente Freundin, die nur noch „Alzheimer“ gerufen wird. Selbst vor nächster Verwandtschaft gibt es kein Halten – der Enkelsohn wird mit der Bezeichnung „Bimbo“ abgespeist. Bei besserer Laune fällt höchstens ein „Bimbolein“. Was musste die Tochter auch einen Schwarzen heiraten?
Grausige Zustände und eigentlich unverzeihliche Zoten, die Bernadette Lafont in der Rolle der Paulette auf wundersame Weise nicht nur erträglich, sondern streckenweise sogar durchaus unterhaltsam geraten lässt. Viel mehr Vergnügen, als Lafont in ihrer Verkleidung als rassistische Omi zu bewundern, hat „Paulette“ jedoch nicht zu bieten. Der Plot, der sich zu großen Teilen um lukrative Kontakte zur lokalen Drogenszene dreht, die wiederum unverhofft Paulettes Geschäftssinn als ehemals erfolgreiche Zuckerbäckerin entfachen, verliert seinen kifferhumorigen Charme recht bald. Findet man an einem französischen Kino, das derzeit gerne zwischen Wohlfühl-Bildchen, vermeintlicher Schamlosigkeit und Delikatessen wandelt, jedoch Gefallen, ergibt „Paulette“ als einer seiner Vertreter ein bewundernswertes Ganzes.

Text: Carolin Weidner

Foto: Neue Visionen

tip-Bewertung: Uninteressant

Orte und Zeiten: „Paulette“ im Kino in Berlin

Paulette, Frankreich 2012; Regie: Jйrфme Enrico; Darsteller: Bernadette Lafont (Paulette), Carmen Maura (Maria), Dominique Lavanant (Lucienne); 87 Minuten; FSK 12

Kinostart: 18. Juli

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