Kino & Stream

„Die Frau, die sich traut“ im Kino

Die Frau, die sich traut

Als Mutter und Großmutter ist sie gefragt, denn ihre dem Alter nach erwachsenen Kinder wüssten gar nicht, was sie ohne sie machen sollten – die Wäsche waschen, auf den Nachwuchs aufpassen, das Essen zubereiten. Aber dann erfährt Beate, dass sie Krebs hat. Das stellt ihr bisheriges Leben auf den Kopf. Ihre Kinder und ihre Freundin Henni dagegen, denen sie ihre Krankheit lange verschweigt, sind nur noch irritiert: Was ist plötzlich los mit Beate? Was kann ein Mensch, der aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr lange zu leben hat, in der verbleibenden Zeit noch machen? Beate erinnert sich an ihre Vergangenheit: Einst war sie eine exzellente Schwimmerin, doch die Schwangerschaft kam dem olympischen Ruhm zuvor. Jetzt setzt sie sich zum Ziel, den Ärmelkanal zu durchqueren und beginnt zu trainieren.
Marc Rensing („Parkour“) erzählt in seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm die Geschichte einer Frau, die einen guten Grund hat, auszubrechen aus den Zwängen des Alltags. Sein Film ist realistisch und zugleich ein Melodram, in dem sich Problem auf Problem häuft, und zwar die Probleme der anderen, für die es bisher immer eine bequeme Lösung mit Namen Beate gab: Soll der Sohn einen attraktiven Job anderswo annehmen und hin- und herpendeln zwischen Arbeit und schwangerer Freundin oder aber mit der Familie wegziehen aus dem Haus der Mutter und somit dem finanziellen Vorteil und der Verfügung über die Mutter als Helferin verlustig gehen? Kann die allein erziehende Tochter ihr Examen überhaupt bewältigen, wenn ihre Mutter keine Zeit mehr hat, auf ihr Enkelkind aufzupassen? Die Selbstbezogenheit ihres Nachwuchses verleiht Beate unnötigerweise einen Heiligenschein, die gehäuften Probleme nehmen den Figuren manchmal die Möglichkeiten zum Atmen.
Aber da ist dann auch noch Steffi Kühnert in der Titelrolle. Die kennt man vor allem aus den Filmen von Andreas Dresen, wo sie zuletzt in „Halt auf freier Strecke“ als Ehefrau des tödlich erkrankten Protagonisten zu sehen war. Ihre Beate jammert nicht, sie macht einfach. Und das macht Steffi Kühnert ganz fabelhaft.

Text: Frank Arnold

Foto: X-Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Frau, die sich traut“ im Kino in Berlin

Die Frau, die sich traut, ?Deutschland 2013; Regie: Marc Rensing; Darsteller: Steffi Kühnert (Beate), Jenny Schily (Henni), Christina Hecke (Rike); 98 Minuten; FSK 6

Kinostart: 12. Dezember

Drei Fragen an Steffi Kühnert

tip Frau Kühnert, war Ihre Rolle als Ehefrau eines krebskranken Familienvaters in Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ hilfreich bei der Vorbereitung auf diesen Film?
Steffi Kühnert Auf alle Fälle, da wir ja bei „Halt auf freier Strecke“ enorm recherchiert haben. Bei Improvisationsfilmen ist das einfach notwendig. Insofern war ich auf der Höhe. Das war auch wichtig, weil sich die Figur Beate in „Die Frau, die sich traut“ ebenfalls die Frage nach der Selbstbestimmtheit stellen muss: Mache ich eine Therapie? Mache ich das alles mit mir alleine aus?
tip Film ist immer auch Illusion, aber ich vermute, bei den Schlusssequenzen, als Beate versucht, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, war das eine Anstrengung Ihrerseits?
Steffi Kühnert So eine physische Herausforderung hatte ich noch nie – was mir einerseits gefallen hat, ich habe dafür Schwimmtraining genommen. Andererseits haben wir das überwiegend an der Ostsee gedreht, die im letzten Herbst eine Temperatur von nur 12, 13 Grad hatte. Das war hart, diese 18 Drehtage am und im Wasser, dazu kamen noch einmal drei Drehtage in Dover.
tip Der Regisseur und Koautor kommt aus dem Westen und war 15, als die Mauer fiel, seine Koautorin 20. Wie weit mussten Sie da als in der DDR Aufgewachsene auch einige Ungenauigkeiten des Drehbuches korrigieren?
Steffi Kühnert Ich hatte das große Glück, dass ich vor zehn Jahren schon einmal mit Marc Rensing gearbeitet hatte, bei „Alles in Ordnung“, seinem Debütkurzfilm an der Filmakademie Ludwigsburg. Er wollte von Anfang an, dass ich das spiele, ich habe das Drehbuch zwei Monate vor Drehbeginn bekommen und fand es wahnsinnig gut. Aber wir haben schon in den Szenen herumgewühlt, im Vorfeld und auch beim Dreh Erklärendes herausgenommen, was nicht nötig war. Erschien mir etwas unwahrscheinlich oder gestelzt, hatte ich immer die Möglichkeit, das mit ihm zu besprechen.

Interview: Frank Arnold 

Mehr über Cookies erfahren