Kino & Stream

„Die Frau mit den fünf Elefanten“ im Kino

Die beiden betagten Frauen gehen wie jeden Morgen „nach oben“ in das Zimmer mit der Olympia-Schreibmaschine, und die klappernde Niederschrift der Übersetzungen per Diktat beginnt. Eine Szenerie, die nichts Pittoreskes oder Schrulliges hat. Denn sehr schnell übernimmt Swetlana Geier, heute 86 Jahre alt, die Führung in diesem Film, mit der natürlichen Autorität eines glasklaren, scheinbar alters­losen Verstandes.
Angesichts ihres Lebenswerks, der Neuübersetzung der fünf bekanntesten und gleichzeitig umfangreichsten Romane Dostojewskijs, genannt „die fünf Elefanten„, ist man versucht, Swetlana Geier einer vergangenen Epoche zuzuordnen. Doch so etwas wie eine vergangene Epoche im Sinne eines linearen Zeitverständnisses gibt es nicht in Regisseur Vadim Jendreykos Dokumentation.
Vielmehr scheint diese wei­se, bodenständige Frau mit der gebeugten und doch anmutigen Gestalt bei allem, was sie tut und sagt, durch die Last von Vergangenheit und Weltgeschichte hindurchzuschauen auf etwas Tie­­feres. Das „Neuland“ interessiert sie, ob beim Bügeln eines Tuchs oder bei der hohen Kunst des Übersetzens. Auch bei dem älteren Herrn, der beim gemeinsamen Korrekturlesen knapp und nüchtern ansagt: „Nach ‚Kutsche‘ würde ich ein Komma setzen …“, ist zu spüren, dass dies mehr ist als eine einfache Satzzeichendis­kussion. Es ist die tiefe Liebe zur Sprache und dem Wortlosen dahinter, die er mit ihr teilt.
Später im Zug, auf der Reise in die Ukraine, das Land ihrer Kindheit, kommt einmal überraschend aus dem Off die Stimme eines Grenzbeamten hinzu. Die Pässe werden gezeigt. „Darf ich Ihnen etwas sagen?“, fragt Swetlana Geier den Beamten, der kein Deutsch spricht, „auf Russisch?“ Ja, darf sie. Sie bedankt sich dafür, dass er gewartet hat, bis die wichtige Filmaufnahme fertig war. Das sei keine Selbstverständlichkeit, fügt sie hinzu, ganz ruhig und sanft. Es folgt Stille. Ein atemloser Moment, in dem auch die Zeit still ist.

Text: Iris Depping

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Frau mit den fünf Elefanten“ im Kino in Berlin

Die Frau mit den fünf Elefanten, Schweiz/Deutschland 2009; Regie: Vadim Jendreyko; 93 Minuten

Kinostart: 28. Januar

Mehr über Cookies erfahren