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„Die Fremde“ mit Sibel Kekilli im Kino

In der aufgeladenen Debatte um den Integrationsgrad von Berliner Migrantenmilieus (und die Integrationskraft öffentlicher Institutionen) muss ein Film über einen Ehrenmord mit gesteigerter Aufmerksamkeit rechnen, zumal wenn er sich an den Fall von Hatun Sürücü anlehnt, die hier vor fünf Jahren auf offener Straße von einem ihrer Brüder ermordet wurde.
Feo Aladags „Die Fremde“ erzählt eine ähnliche Geschichte, den tragischen Höhepunkt stellt sie als Vorwegnahme gleich an den Beginn des Films. Wenn Umay (Sibel Kekilli) mit ihrem vierjährigen Sohn Cem ihrem jüngsten Bruder auf der Straße gegenübersteht, ist sie bereits von Vater, Schwester und Mutter verraten worden.
Aladag, vor ihrem Regiedebüt mit „Die Fremde“ als Schauspielerin und Drehbuchautorin bekannt geworden, hat sich nicht zuletzt in Anti-Gewalt-gegen-Frauen-Kampagnen von Am­nesty International engagiert. Auch „Die Fremde“ ist ein Film, der sein Engagement nicht versteckt, aber vieles erscheint im Licht der melodramatischen Inszenierung allzu diffus. Es ist paradoxerweise die Idee des Konsenses (der Handreichung, des Verständnisses, der Empathie), die Aladag in den Produktionsnotizen so heftig beschwört,
die als eigentlicher Motor ihres Filmdramas wirkt. Die naive Sehnsucht der Tochter nach Ver­söhnung, ihre Weigerung, sich abzulösen, hält sie im mörderischen Konflikt fest. Im Film erscheint das als fast schon pathologisches Drama, in dem auch der kleine Sohn zermalmt wird.
Unergiebig ist der Blick, den Aladag auf die Männer der Familie wirft. Sie bleiben entweder vollständig konturlos wie Umays Ehemann oder, wie Brüder und Vater, in ihren behaupteten Doppelbindungen an Traditionalismus und die Berliner Moderne unverständlich. An den Wendepunkten der Erzählung entscheidet sich das Drehbuch konsequent dafür, sie einfach schweigen zu lassen. Doch dieses Black-Box-Prinzip, das nur rätselnd registriert, was ins System hineingeht und später wieder herauskommt, macht die Figuren im Grunde zum Platzhalter für alle und jeden, formuliert nichts anderes als einen Generalverdacht. Bei aller Rührung, die Sibel Kekilli in der Rolle
von Umay gelegentlich aus­lösen kann – dieser ungenaue Film illustriert mit den besten Intentionen doch nur Sarrazin-Klischees.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Uninteressant

Orte und Zeiten: „Die Fremde“ im Kino in Berlin

Die Fremde, Deutschland 2009; Regie: Feo Aladag; Darsteller: Sibel Kekilli (Umay), Nizam Schiller (Cem), Derya Alabora (Halyme); Farbe,
119 Minuten

Kinostart: 11. März

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