Literarisches Filmessay

„Die Geträumten“ im Kino

Die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann thematisiert in „Die Geträumten“ den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Die Geträumten  Österreich 2015 Regie: Ruth Beckermann
Die Geträumten Österreich 2015 Regie: Ruth Beckermann

„Und dann wieder nicht wissen, woher du kommst und wohin du gehst. Für mich bist du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land. Für mich bist du Wüste und Meer und alles, was Geheimnis ist.“ Das schreibt Ingeborg Bachmann in ­einem Brief an Paul Celan. Anja Plaschg – viele kennen sie als Musikerin unter dem Namen Soap & Skin – verliest diese Worte in Ruth Beckermanns Film „Die Geträumten“.

In ihm sind zwei Menschen in einem Tonstudio zu sehen: Anja Plaschg und Laurence Rupp; sie in der Rolle der Ingeborg Bachmann, er in der Paul Celans. Obwohl das nicht ganz richtig ist. Denn Plaschg und Rupp spielen dieses berühmte Dichterpaar nicht, deren Briefwechsel „Herzzeit“ auf über 300 Seiten nachzulesen ist. Und wiederum ist es auch nicht so, als ob beide zu jenem Paar würden. Nein, Ruth Beckermann inszeniert und beobachtet in „Die Geträumten“ zwei Sprecher bei der Arbeit. Einer Arbeit, die das (Vor)Lesen umfasst. Aber auch das (Nach)Fühlen und das Nachdenken. Und selbst bei den Pausen der beiden ist die Kamera dabei, denn die sind wichtig. In ihnen werden Plaschg und Rupp wieder als eigenständige Personen erkennbar, die wiederum hin und wieder auch eine Vermischung mit Bachmann und Celan eingehen; die ihre jeweilige Rolle analysieren und manchmal auch vor dem anderen verteidigen.

„Die Geträumten“ unterscheidet sich von früheren Filmen ­Beckermanns, Jahrgang 1952. „Ein flüchtiger Zug nach dem Orient“ (1999) etwa entführte nach Ägypten, wohin Elisabeth „Sissi“, Kaiserin von Österreich, einst inkognito reiste. Es ist eine fließende, exotische Abfolge von Bildern mit einem Kommentartext Beckermanns. Er ist von Aufzeichnungen der Kaiserin durchwoben und den eigenen Gedanken der Regisseurin.
Ruth Beckermann ist eine Sucherin und interessiert sich in ihren Filmen für jene, die ebenfalls suchen. Immer wieder gelangt sie während jener Reisen an bestimmte Orte. Die Bukowina zum Beispiel, eine historische Landschaft im Grenzraum zwischen Mittel-, Südost- und Osteuropa. Ihr Vater stammt aus dieser Region, aus Czernowitz. Bereits in „Die papierene Brücke“ (1987) hat sie dieses
Czernowitz aufgesucht, dort die Reste jüdischen Lebens gefilmt und ist dann wieder zurück nach Wien gekehrt, wo ihre Eltern sich in den 50er-Jahren kennenlernten. Und noch jemand kommt aus Czernowitz: Paul Celan.

Beckermann sagt: „Ich denke, manche Filmschaffende haben ihr geographisches Universum, und da gehöre ich sicher dazu. Czernowitz, beziehungsweise dieser Raum der ehemaligen Monarchie, der Bukowina. So gesehen ist Paul Celan natürlich jemand, der zu meinem geographischen Koordinatensystem gehört. Zu dem „Haus Österreich“, wie Ingeborg Bachmann das genannt hat. Die beiden gehören schon lange zu meinen geliebten Autoren, nicht erst, seit die ­Korrespondenz veröffentlicht wurde. Ingeborg Bachmann habe ich schon sehr früh gelesen, und Paul Celan ist ziemlich schwierig zu lesen, er hat ja fast nur Poesie geschrieben. Aber seine Biografie, seine Figur und überhaupt die Schriftsteller aus Czernowitz waren mir immer schon sehr nah.“

Ingeborg Bachmann und Paul Celan lernen sich im Wien der Nachkriegszeit kennen, sie ist 21 Jahre alt, er 27. Sie studiert Philosophie, er befindet sich auf einer Zwischenstation Richtung Paris. Sie ist Österreicherin und hat einen Vater mit NS-Vergangenheit. Er ist Jude, dessen Eltern in einem Konzentrationslager umgebracht worden sind. Einige Wochen ­zwischen Mai und Juni 1948 verbringen sie gemeinsam in Wien. Es ist ihr „Märchen“, wie Ingeborg Bachmann es nennt. Ende Juni desselben Jahres schickt er ihr den ersten Brief, der das Gedicht „In Aegypten“ enthält. Mit ihm beginnt auch „Die Geträumten“. Bis in das Jahr 1961 erstreckt sich der Briefverkehr.

„Meine Reaktion auf diese traurige, ­tragische, aber auch lustvolle und leidenschaftliche Beziehung war wirklich emotional. Da sind ja alle Gefühlslagen vorhanden“, beschreibt Ruth Beckermann die erste Lese­erfahrung der Korrespondenz. Gemeinsam mit Ina Hartwig hat sie die Briefe für den Film aufbereitet. „Die Geträumten“ folgt einer strengen Gestaltung, einem reduzierten Konzept. Doch in der Reduktion ist viel enthalten, wird viel möglich. Das ist den schönen, empfindsamen Gesichtern Rupps und Plaschgs zu verdanken, die in Großaufnahmen häufig über die gesamte Leinwand zu betrachten sind. Aber es sind auch die sorgfältigen Schnitte, in denen Reaktionen sichtbar werden, Rhythmen und der gefühlsmäßige Wechsel, der im Verlauf der Jahre kommen muss. Ingeborg Bachmann und Paul Celan verlieren sich, finden einander und fragen: „Sind wir nur die Geträumten?“ „Manchmal schreibt einer einen Satz und der andere nimmt ihn wieder auf“, sagt Beckermann. „Da gibt es so ein Pingpong über die Jahre hinweg, was schon sehr besonders ist. Alles in dem Bewusstsein, dass man sich nur ­annähern, aber den anderen doch nie wirklich erreichen kann.“

Die Geträumten A 2016, 92 Min., R: Ruth Beckermann, D: Anja Franziska Plaschg, Laurence Rupp,
Start: 27.10.

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