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„Die große Passion“ im Kino

Die große Passion

Die Passionsspiele in Oberammergau gehören zu den größten Theaterereignissen Deutschlands: ein professionell gestaltetes Laienspiel-Spektakel mit eigenem Festspielhaus und einer langen Tradition (1633 gelobten die Vorfahren, alle zehn Jahre die Passionsgeschichte Jesu aufzuführen, weil ihr Ort von der Pest verschont geblieben war), das mit seiner Mischung aus Religion, barocker Opulenz und haariger Männlichkeit Touristen aus aller Welt anzieht.
Doch welche künstlerischen, kommerziellen und politischen Entscheidungen stehen hinter dem Spektakel? Darüber gibt jetzt die beobachtende Dokumentation „Die große Passion“ Auskunft: Dem Regisseur Jörg Adolph war es vergönnt, mit seiner Kamera die zweijährigen Vorbereitungen für die Passionsspiele 2010 zu begleiten. Er besuchte Lese- und Stellproben, war bei Gemeinderatssitzungen zugegen und fuhr mit Regisseur und Hauptdarstellern zur Vorbereitung an heilige Stätten in Israel. Das ist ebenso spannend wie unterhaltsam, denn neben der Vermittlung des sympathischen, keine Kräfte schonenden Enthusiasmus, mit dem Spielleiter Christian Stückl und seine Darsteller hier ans Werk gehen, gibt der Film auch erhellende Einblicke in die Seele eines kleinen bayerischen Ortes, wo die Besetzung der Hauptrollen zweifellos zum Politikum werden kann.
Da geht’s ums große Ganze, etwa wenn sich die finanziell klamme Gemeinde inmitten der Wirtschafts- und Finanzkrise Sorgen um eventuell ausbleibende Touristen macht. Und manchmal auch nur ums bizarre Kleine: wenn die Ziegen für die Aufführung aus Kostengründen gestrichen werden und die Reaktion des Spielleiters („Idioten“) für nachhaltige Verstimmung sorgt. Die Weltpolitik bleibt ebenfalls nicht außen vor, denn immer wieder muss der Dramaturg Otto Huber mit Vertretern der jüdischen Anti-Defamation League und des American Jewish Committee die Frage der Verantwortung für Jesus’ Tod diskutieren, bis ihm nach diversen Zugeständnissen schließlich – moderat – der Kragen platzt: „Mir wäre es auch lieber, wenn Jesus von den Österreichern umgebracht worden wäre.“ Am Ende aber wird natürlich alles gut: Nach der Kreuzigung muss Jesus erst mal duschen und dann schnell zur Auferstehung sprinten.

Text: Lars Penning

Foto: Benedikt Geisenhof / if…Cinema

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die große Passion“ im Kino in Berlin

Die große Passion, Deutschland 2011; Regie: Jörg Adolph; 144 Minuten; FSK 0

Kinostart: 17. November

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