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„Die Höhle der vergessenen Träume“ im Kino

Die Höhle der vergessenen Träume

Seit jeher hat sich Werner Herzog in seinen Filmen für Menschen interessiert, die auf sich selbst zurückgeworfen sind: abgeschnitten von der Zivilisation, allein mit ihren Ängsten und Hoffnungen, ihren Träumen und ihrem Wahn. Herzog erfand dazu Geschichten um verrückte Conquistadores, die auf einem Floß den Amazonas hinuntertreiben, um Leute, die im Urwald Opernhäuser bauen wollen, und um das berühmte Findelkind Kaspar Hauser. Seine Dokumentationen handelten von Menschen, die im Urwald einen Flugzeugabsturz überlebt hatten, von durchgeknallten Tierschützern, die in der Wildnis Alaskas vom Bären gefressen wurden, und von Forschern in der Antarktis. Oft wurde dabei eine Seelenverwandtschaft mit dem Regisseur selbst deutlich, denn in den meisten seiner Werke, egal ob fiktiv oder nicht, ging es immer auch um die Herausforderungen, die er sich als Filmemacher selbst auferlegte: Nichts erschien so schwer, als dass Herzog, der in seinem sympathischen Größenwahn kaum Selbstzweifel zu kennen scheint, es nicht versucht hätte.
All dies kommt – in freundlich-milderer Form – auch in Herzogs jüngstem Film wieder zum Tragen. Mit der Dokumentation „Die Höhle der vergessenen Träume“ begibt sich der Regisseur in eine Zeit, in der die menschliche Zivilisation und Kunst überhaupt erst entstanden: Auf ein Alter von 32?000 Jahren schätzt man die ältesten zurzeit bekannten Höhlenmalereien in der Chauvet-Höhle in Südfrankreich, die 1994 von drei französischen Forschern im Flusstal der Ardиche entdeckt wurden. Die Malereien datieren damit aus der Altsteinzeit, damals lebten neben den Menschen auch noch die – offenbar weit weniger kreativen – Neandertaler.
Die Höhle der vergessenen TräumeNatürlich gestalteten sich die Dreharbeiten schwierig. Herzog wäre nicht Herzog, wenn er in seinem Kommentar darauf nicht ausführlich hinweisen würde: Die Höhle darf nur mit Ausnahmegenehmigung betreten werden, ein kleines Team hatte an wenigen Tagen nur wenige Stunden Zeit zum Filmen. Die schmalen metallenen Stege in der Höhle konnten nicht verlassen werden, anfangs wurde mit Handkamera und drei Kaltlichtlampen gedreht, später noch eine 3D-Kamera für die Zwecke des Teams umgebaut.
Und ebenso natürlich sind die Aufnahmen vom Höhleninneren spektakulär, die Darstellungen der Pferde, Wollnashörner, Bisons, Löwen und Mammuts so lebendig und plastisch, wie man sie sich nur vorstellen kann. Endlich einmal macht auch die 3D-Technik Sinn, denn die steinzeitlichen Künstler hatten die Beschaffenheit der Höhle, die Wölbungen der Felsen in ihre Malereien miteinbezogen – die Wände zeigen im Grunde bereits Tiere in dreidimensionaler Bewegung.
Bewegung war den Malern wichtig: Ein Bison hat acht Beine, die seine Dynamik versinnbildlichen, versetzte Umrisszeichnungen eines Nashorns deuten wie in Phasenzeichnungen für einen Animationsfilm dessen Vorwärtsdrang an.
Aber Herzog zeigt nicht nur, er interpretiert auch: Unbekümmert (aber, wohlgemerkt: nicht unseriös) assoziiert und staunt er drauflos, kommt dabei von Steinzeitmalern und ihren im Fackelschein tanzenden Bildern zu Fred Astaire, der mit seinem Schatten tanzt. Der Fund einer pentatonischen Flöte in der Höhle lässt ihn einen in ein Rentierfell gewandeten Experimentalarchäologen filmen, der ihm auf einer Flöte aus Geierknochen die US-Nationalhymne vorspielt. „Es ist, als ob hier die Seele des modernen Menschen entstanden ist“, verkündet Herzog. Immer wieder sucht er die Verbindung zur Gegenwart, findet in den Steinzeitkünstlern den modernen Menschen und im modernen Menschen den „Primitiven“ mit einem – ganz und gar unverschwurbelten – Sinn für jene Spiritualität, die sich in den Kunstwerken auszudrücken scheint. Das ist letztlich ebenso unterhaltsam wie oftmals witzig und intellektuell anregend – bis hin zu einem typischen kleinen Herzog-Nachspiel mit mutierten Albino-Krokodilen.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Höhle der vergessenen Träume“ im Kino in Berlin

Die Höhle der vergessenen Träume (Cave of Forgotten Dreams), USA/Frankreich/Deutschland/Kanada 2010; Regie: Werner Herzog; 95 Minuten; FSK 6

Kinostart: 3. November

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