Kino & Stream

Die Kinolandschaft in Berlin

Modell Wedding

Am Anfang stand ein Gerücht: Italienische Investoren planten ein Kulturzentrum im Wedding, auf einem ehemaligen Fabrikgelände an der Lindower Straße 22 würde auch ein „Arthouse-Multiplex“ entstehen. Ein ungewöhnlicher Stand- und Spielort, überraschende Nachrichten für den Stadtteil. Wenig hat sich in den letzten Jahren kulturell in dieser Ecke getan, das Grundstück wird von Trödelläden und Spielotheken, Imbissen und Autohändlern eingerahmt, auf der nahen Müllerstraße sieht es kaum besser aus. Die geografische Lage und die Verkehrsanbindung sprechen dabei eigentlich für diesen Kiez: Der S- und U-Bahnhof Wedding verbindet das Viertel mit den In(nen)-Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg, der Hauptbahnhof ist nur wenige Busminuten entfernt.
Doch gerade was Kinos angeht, steht Wedding eher für Ab- als für Aufbruch: Im August 1998 schloss das Sputnik-Kino, September 1999 das alte Alhambra und April 2002 das Alhambra-Too, aktuell droht dem kleinen Kino & Cafй am Ufer das Geld auszugehen. Demnächst steht den Weddingern wohl nur noch das Multiplex Alhambra, ein Neubau am U-Bahnhof Seestraße, als Filmtheater in der Nachbarschaft zur Verfügung. Eine stadtweite Entwicklung: Traditionshäuser werden von modernen Kinohäusern verdrängt, oft bleibt das kleine Kiezkino im Wettkampf mit großen Innenstadt-Komplexen auf der Strecke. Wer heute nur noch „Nachspieler“ im Bezirk ist, hat schlechte Karten. „Kino ist kein Gewerbe, in dem man schnell auf schwarze Zahlen kommt“, erklärt Georg Kloster, Geschäftsführer der Yorck-Gruppe. In Berlin habe sich die Sitzplatzkapazität seit den frühen Neunzigern zwar fast verdoppelt, doch die Zuschauerzahlen seien in diesem Zeitraum „höchstens um 20 bis 30 Prozent“ gestiegen. Nicht jedes Kino muss dabei jenseits von Konzeption und Programmgestaltung auf eine gute Lage setzen. Trotzdem sind die demografischen Veränderungen in der Stadt, die Wanderbewegungen der coolen Kids und jungen Leute nicht unerheblich. Dass nach Prenzlauer Berg und Friedrichshain jetzt Kreuzkölln ein bevorzugter Wohnort für Studenten, Künstler und Medien-Freiberufler ist, kommt auch Klosters Neuköllner Kinos (Neues Off, Rollberg, Passage) zugute. „Wenn sich die Szene nach Kreuzkölln verlegt, profitieren dort alle“, sagt Kloster, „aber dafür verlieren andere Gegenden.“ Und irgendwann, so der Yorck-Chef, stiegen später die Mieten auch für Gewerbe, „aus alternativen Läden werden Markenartikler“, dann wird es auch für Kinobetreiber schwer. Eigentlich ist so bereits die ganze Berliner Innenstadt erschlossen und verwandelt worden, für einen Nachbarstadtteil mit Potenzial wie Wedding sollte das ein Vorteil sein. „Dass sich was in Moabit oder Wedding bewegt“, hält Georg Kloster fest, „darauf wartet man schon und wohl noch lange.“
Christian Berg„Es ist fast ein Naturgesetz“, kontert Christian Berg (Foto links), „dass der Wedding etwas abbekommt, denn durch die Gentrifizierung von Friedrichshain/Prenzlauer Berg zieht die Bevölkerung in angrenzende Stadtteile. Das gilt auch für die Kultur.“ Berg, als Kinobeauftragter des Medienboards zentraler Organisator zwischen Bund, Stadt, Investoren und Kinobetreibern, sieht viele Probleme der Berliner Kinolandschaft als hausgemachte logische Folgen von Unachtsamkeit und Desinteresse. Herausragende Negativbeispiele sind für ihn das 2005 geschlossene Kosmos an der Karl-Marx-Allee und das alte Astor am Ku’damm; mal habe man ignoriert, wie viele Multiplexe in direkter Nähe entstanden sind, ein anderes Mal einen auslaufenden Pachtvertrag, vielleicht auch den Denkmalschutz übersehen. „Die Bezirke müssen die Entwicklungen stärker steuern und kontrollieren“, sagt Berg, „man muss die Vielfalt erhalten.“ Kino sei ein schwieriges und volatiles Geschäft, die wenigsten Betreiber könnten Rücklagen bilden. Und längst gäbe es einen Renovierungsstau bei den Lichtspielhäusern, die laufende Umrüstung der Kinos auf digitale Projektion (Digital Rollout) nutze bei alter Bestuhlung und schlechtem baulichen Gesamtzustand wenig. „Man muss“, so Berg, „auch jenseits der Digitalisierungsdebatte über den Ort Kino im Stadtraum reden.“
Bislang wurde oft und lange geschwiegen. Der Kurfürstendamm, noch bis vor wenigen Jahren vitales Aushängeschild der (West-) Berliner Kinoszene, ist heute fast Filmwüste, in zentraler Lage übrig geblieben sind nur die Astor Filmlounge und das Cinema Paris. Ob sich der Trend umkehren lässt, wenn die Bau- und Renovierungsarbeiten um den Breitscheidplatz und den im Umbau befindlichen Zoopalast abgeschlossen sind?
Kino braucht Geld, ohne Investoren sind große Sprünge in Berlin nicht möglich. Insider setzen dabei auch auf die Strahlkraft eines Ehrentitels: Auf Antrag und nach strengen Regularien erklärt die UNESCO Städte zur „City of Film“, bislang wurden erst das australische Sydney und Bradford in England derart ausgezeichnet. Berlin sollte mit etwa 100 Spielstätten, vielen Festivals und der Berlinale gute Chancen haben, man hofft dann auf frische Impulse, verstärkte Aufmerksamkeit und neues Geld.
Bis dahin bleibt vieles nur Theorie. Auch das Arthouse-Multiplex an der Lindower Straße entpuppt sich als reines Gedankenspiel, Ergebnis eines internationalen Workshops, an dem die TU Delft, das Aedes-Architekturnetzwerk und die Berlinale beteiligt waren. Zunächst wird an dem Standort im Wedding etwas anderes entstehen. Johannes Kuehn vom Architekturbüro Kuehn Malvezzi erklärt, dass die italienischen Investoren, die unter dem Namen „Mica Moca“ bereits in Mailand ein Fabrikgelände zum Kulturzentrum umgebaut haben, Ähnliches im Wedding vorhaben. Schon jetzt finden auf dem aufgeräumten Gelände Performances, Kunst-, Tanz- und Musikveranstaltungen statt. Bald soll an der Lindower Straße Baubeginn sein, dann entstehen Räume für Künstler und Kunstsammler. Aber doch kein Ort für Filmvorführungen? „Eigentlich war nichts in dieser Richtung geplant“, sagt Johannes Kuehn, „aber vor Kurzem hat mich einer der Investoren gefragt, ob das Areal nicht auch ein Kino haben sollte.“

Text: Thomas Klein

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