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„Die Klasse“ – Schule im Kino

Esmeralda, kokett: „Da gibt’s das Buch ,Der Staat‘ von Platon, das ich gelesen hab.“ – Lehrer, verblüfft: „Und welche Fragen stellt Sokrates in Platons Buch?“ – Esmeralda, etwas zögerlich: „Er stellt Fragen über alles: die Liebe, Religion, Gott und die Leute, über alles.“ – Lehrer, ironisch: „Schön, dass du das gelesen hast.“ – Esmeralda, maliziös lächelnd: „Ja, ich weiß, es ist kein Buch für Schlampen!“
Wahrscheinlich flunkert Esme­ralda, hat Platons Abhandlung über die Gerechtigkeit gar nicht gelesen, weiß gar nicht, wer dieser Sokrates ist und hat nur ir­gend­wo was davon aufgeschnappt. Aber sie kann den Lehrer irritieren und ihm mit dem „kein Buch für Schlampen“ einen kräftigen Seitenhieb versetzen. Denn der Lehrer hat sie und ihre Freundin „ungepflegt und schlampenhaft“ genannt. Das ist ihm so rausgerutscht, in einem unbe­dach­ten Augenblick, als die Pro­vo­kationen der Klasse ihn zur Weißglut brachten. Und er hat sich damit eine Blöße gegeben, in die Esmeralda mit Vergnügen hineinsticht.
Ort des Geschehens: die achte Klasse einer Grundschule im 20. Pariser Arrondissement: Jugendliche im Alter von 14 oder 15 Jahren, von denen die meisten Migrations- hintergrund haben, Kinder von Einwanderern aus den ehemaligen französischen Afrikakolonien, auch aus Mali oder China. Wie alle Jugendlichen dieses Alters haben sie null Bock auf Schule, beschäftigen sich lieber mit Handys und iPods beziehungsweise mit Nagellack und Piercings. Sie verwandeln das Klas­senzimmer in einen Dschungel, in dem sich das Ringen um Anerkennung in schroffen Selbstbehauptungen, in Rangordnungs- und Cliquengezänk zeigt. Wenn überhaupt, dann konzentrieren sie sich darauf, den Französischlehrer in Wortduelle zu verwickeln.
Regisseur Laurent Cantet, der in Cannes für „Die Klasse“ die Goldene Palme entgegennehmen durfte, macht das Klassenzimmer zur Hauptbühne: „Das Geschehen in dieser achten Klasse, das wir über ein Schuljahr hin verfolgen, haben wir wie ein mit Worten ausgefochtenes Tennismatch gefilmt. Links der Lehrer, rechts die Klasse. Ein einfaches Schema, das dann freilich komplexer wird, wenn die Schüler untereinander agieren, wenn der Lehrer ihr Terrain betritt, sie berührt. Vielleicht ist das Bild vom Tennismatch nicht so treffend: Es ist wie bei den Lanzenkämpfen im Mittelalter, wo es darum geht, den anderen vom hohen Ross zu stoßen.“
Cantet, Jahrgang 1961, wurde mit Filmen über Rationalisierungsmaßnahmen („Ressources Humaines“, 1999), Arbeitslosigkeit („Auszeit“, 2001) und weiblichen Sextourismus im Ha­iti der 70er Jahre („In den Süden“, 2005) bekannt. Er widmet sich gesellschaftlich brisanten Themen, behandelt sie aber nicht in der Art plakativer „Themenfilme“, sondern im Spektrum komplex geschilderter Charaktere. Im Kern ist Cantet ein Porträtist, der seine Figuren in einer feinfühligen Balance von Nähe und Distanz aufleuchten lässt. Er sieht sich in einer Kinotradition, die den konkre­ten Menschen gegen gesellschaftliche Abstraktionen verteidigt: „Ich liebe die Filme von Maurice Pialat, von den Dardenne-Brüdern oder Rossellini, also Filme, die tief ins Gesellschaftliche eintauchen, aber nicht als soziologische oder politische Abhandlungen daherkommen, sondern als Personengemälde. Sie beobachten nüchtern, ergreifen das Gefühl, ziehen hinein ins innere Drama der Personen. Filme, die viel politischer sind als jene, die ihre politischen Anliegen demonstrativ vor sich her tragen!“

Lesen Sie den kompletten Artikel in tip 02/09 auf den Seiten 46-47.

Text: Rainer Gansera

tip-Bewertung: Herausragend

Die Klasse (Entre les murs), Frankreich 2008; Regie: Laurent Cantet; Darsteller: François Bйgaudeau und französische Schüler; Farbe, 128 Minuten

Kinostart: 15. Januar 2009

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