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Die krasse Komödie „Hangover“ im Kino

In der psychoanalytischen Terminologie beschreibt der Begriff „Regression“ einen Mechanismus zur Abwehr und Be­wältigung innerer Konflikte, der sich als Rückzug auf eine frühere Stufe der Persönlichkeitsentwicklung manifestiert und mit irrationalen und primitiven Verhaltensweisen einhergeht. Der US-Regisseur Todd Phillips hat sich auf die Darstellung von regressivem Verhalten unter erwachsenen Männern spezialisiert.
Bereits mit seinem Debüt „Hated“ setzte er dem Fäkal-Rocker GG Allin ein Denkmal, der dafür berüchtigt war, bei seinen Konzerten buchstäblich auf die Ka­cke zu hauen. In seiner Dokumentation „Frat House“ durchleuchtete Phillips die drastischen Sauf- und Initiationsrituale, die die Anwärter einer amerikanischen Burschenschaft über sich ergehen lassen müssen. Mit „Old School“ schuf er schließlich den „Citizen Kane“ des Regressions­kinos: Der Film erzählt von drei Freunden jenseits der 30, die sich das Leben anders vorgestellt haben und aus einer Mischung aus Frust, Trotz und Nostalgie zur Bierbong greifen und eine erlebnisorientierte Studentenverbindung gründen. In einer schönen Szene wird der von Will Ferrell dargestellte Frank „The Tank“ Ricard von seiner Frau ertappt, wie er volltrunken und unbekleidet durch Vorortstraßen läuft.
Mit „Hang­over“ hat Phillips nun einen Überraschungshit an den amerikanischen Kinokassen gelandet, und wieder steht der Mechanismus der Regression im Zentrum der Handlung. Der innere Konflikt, den es in diesem Fall zu bewältigen gilt, ist die bevorstehende Hochzeit von Doug, der zwei Tage vor der Trauung mit drei Freunden nach Las Vegas fährt, um es noch mal richtig krachen zu lassen. Am nächs­ten Morgen ist Doug verschwunden, die Hotelsuite liegt in Trümmern, im Bad knurrt ein Tiger, im Wandschrank schreit ein Baby – und keiner kann sich erinnern, wie es so weit kommen konnte. Völlig verkatert machen sich die drei Freunde nun samt Baby daran, die Ereignisse der letzten Nacht zu rekonstruieren und den Bräutigam aufzuspüren, wobei sie unter ande­rem mit dem Las Vegas Police Department, einem chinesischen Profi-Zocker und Mike Tyson in Konflikt geraten, der offenbar nichts von seiner Schlagkraft verloren hat.
Im Grunde ist „Hangover“ eine Teenie-Komödie für Erwachsene. Schon bei der Figurenkonstellation greift Phillips auf Collegefilm-Stereotypen wie den coolen Draufgänger, den verklemmten Nerd und den unterbelichteten Dicken zurück. Den charismatischen Hauptdarstellern ist es zu verdanken, dass diese Stereotypen lebendig werden und ihr Verhalten innerhalb des völlig überdrehten Szenarios menschlich und plausibel wirkt. Voller Sympathie jagt Phillips seine Protagonisten von einer Prüfung zur nächsten. Dass er ihnen eine Läuterung und sonstige tiefschürfende Einsichten erspart, tut dem Spaß keinen Abbruch, im Gegenteil. Man kann ihm lediglich vorwerfen, dass sein Film gegen Ende an Schwung verliert. Doch dafür entschädigt der Abspann, der die verbliebenen Rätsel der durchzechten Nacht mit Standbildern auflöst und daran erinnert, dass Regression keine krankhafte Störung ist, sondern zur Stabilisierung des psychischen Gleichgewichts beiträgt.

Text: Heiko Zwirner

tip-Bewertung:
Sehenswert

Orte und Zeiten: „Hangover“ im Kino in Berlin

Hangover (The Hangover), USA 2009; Regie: Todd Phillips; Darsteller: Bradley Cooper (Phil), Ed Helms (Stu), Zach Galifianakis (Alan); Farbe, 100 Minuten

Kinostart: 23. Juli

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