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Die Kunst des negativen Denkens

„Vorher war ich glücklich, zufrieden und dumm“, sagt Geir. Nun ist nachher, Geir ist durch einen Unfall von Hüfte abwärts gelähmt und verbittert. Die Unfallversicherung hat ihm und seiner Frau Ingvild ein hübsches Häuschen irgendwo im seenahen, grünen Stadtumfeld einer norwegischen Stadt bezahlt, doch geholfen hat es nicht. Im Gegenteil: Geir hat sich zurückgezogen in eine Welt aus Kriegsfilmen, allerlei Flüssigem und Rauchbarem, einem schicken Revolver und Johnny Cash.
Aus dieser heraus setzt er auch die gezwungen-geduldigen und stets auf das Positive zielenden Therapiebemühungen von Tori und ihrer Gruppe außer Kraft. Ingvild hatte sie eingeladen, doch von nun an zerfällt die starre Komposition des Positivdenkens, mit der Tori sorgfältig jeden Einzelnen ihrer Patienten zum Glück­lichsein verdammt hatte.


Der Blick wird stückweise frei auf Seelenlandschaften, in denen sich Eigensinn, Frustration, Gewalt, Sexualität oder Einsamkeit wieder an die Stelle des fein gehäkelten Kotztütchens (vormals verwendet zum metaphorischen Ausspucken der negativen Gedan­ken) treten.
Bеrd Breien zielt mit seiner me­lancholischen Komödie auf das Wohlwollen und das schlechte Gewissen, mit dem die Gesellschaft Behinderte umhäkelt und neutralisiert. Denn unter der Hand stöhnt sie ja auch gleichzeitig über die Belastung. Geir (angenehm ungekünstelt: Fridjov Sеheim) streckt mit dem Faustschlag also zielgerecht eine Mitleidsethik nieder, die mit der Sorge um den anderen die Sorge um sich meint.


Er trifft den zutiefst protestantischen Versuch, persönliche Ka­tastrophen zum Guten umzutherapieren, um alsbald zumindest neutral im Leistungskonzert der Gesellschaft wieder mitzutun. Breien wird dabei wunderbar un­terstützt von seinen Schauspielern und einer herrlich unprätentiösen Bildregie (Gaute Gunnari). Die deutsche Filmförderung würde diese Geschichte bestimmt bereits im Keim ersticken.
Text: Lennart Laberenz

Die Kunst des negativen Denkens

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