Roadmovie

„Die letzte Sau“ im Kino

Revolution? Aber hallo! Ein kleiner Bauer allein gegen die Agrarindustrie, im Beiwagen des alten Mopeds sein treuer Begleiter: Die letzte Sau

Foto: Drei Freunde Filmverleih

„Die Sonne kommt, und du bist hier. Ich kann dich fühlen, ich bin ein Teil von dir“ – Sie ­erkennen diese Liedzeilen? Dann hat Ihnen Aron Lehmann einen Film geschenkt. Einen Film, nur für Sie. Die wunderbare Rosalie ­Thomass steht auf einem Hof und singt den Song „Komm, schlaf bei mir“ von Ton Steine Scherben. Die Musik der Berliner Kultband rund um den vor 20 Jahren verstorbenen Rio Reiser durchzieht diesen Film. Und nicht nur die Musik, sondern auch Freiheit, Sehnsucht, Klassenlosigkeit und Anarchie – quasi alles, was für die Scherben immer essenziell wichtig war.
Ein Ostschwäbisch sprechender Erzähler (der Schauspieler Herbert Knaup kann das, er spielt in ­mehreren erfolgreichen TV-Filmen den Kemptener Ermittler Kluftinger) führt uns in die Welt vom Huber (Golo Euler, „Ferien“, „Fado“) ein. Und in der stimmt nicht mehr viel. Vom kleinen Bauernhof kann der Landwirt nicht mehr leben. Der Befreiungsschlag kommt direkt vom Himmel, als ein ­Meteorit den Hof in Flammen aufgehen lässt. Also zieht der Huber in die weite Welt – mit seinem alten Moped und der letzten ihm ­verbliebenen Sau im Beiwagen. Und wird zum Rebellen, der wie Don Quijote gegen die ­Agrarindustrie mit ihren ekligen Mastanlagen anrennt. Bald findet er sehr viele Sympathisanten.
Auf seiner Reise vom Nördlinger Ries nach Brandenburg begegnen dem Huber zudem diverse Zeitgenossen, die Opfer dieser leider nur so bezeichneten Sozialen Marktwirtschaft geworden sind: einem Ex-Banker und Imker (Thorsten Merten), einem Mann, der verzweifelt sein Haus verteidigt. Aber trotz aller Wut zieht es den Huber primär zu seiner großen Liebe, der Birgit (Rosalie Thomass).

„,Die letzte Sau‘ ruft zum Widerstand auf, weil es so nicht weiter geht! Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung sind in unserer Zeit nichts weiter als Illusion.“ Das sagt Regisseur Aron Lehmann über seinen Film, der zwar märchenhafte Züge trägt, aber ganz im turbokapitalistischen Jetzt verankert ist. Mit dem wortkargen Helden und seiner treuen Sau begeben wir uns auf einen anarchischen Trip durch Deutschland, begleitet von den Scherben-Liedern, deren Mitglieder zum Teil auch auftreten. Das ist zum Weinen und zum Lachen, erzeugt Hilflosigkeit und Wut – genau das richtige Potpourri für die Rebellion. Nicht nur gegen die Agrarwirtschaft. Eine sensa­tionelle Tragikomödie mit den drei großen H: Herz, Humor, Hirn.

Die letzte Sau D 2016, 86 Min., R: Aron Lehmann, D: Golo Euler, Rosalie Thomass, Thorsten Merten, Start: 29.9.

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