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Die Liebeskomödie „Gigante“ im Kino

Auf dem Kuchen sitzt ein Eisbär. Er ist aus Wachs, der Docht brennt, und der Anlass dafür wird schnell klar, als in der Wilmersdorfer Altbau-Residenz des Botschafters von Uruguay ein Ständchen angestimmt wird: Adriбn Biniez, der – noch etwas gejetlaged vom langen Flug aus Uruguay – gerade ein Interview zu seinem Film „Gigante“ hinter sich gebracht hat, ist heute 35 Jahre alt geworden. Ob sich der Filmemacher und Indie-Rocker über den Eisbären auf dem Kuchen wundert? Was könnte der mit Uruguay zu tun haben? Nach einigen Millisekunden mit Kreuz-und-Quer-Assoziationen hat man des Rätsels Lösung: Es handelt sich – Eisbär, Braunbär oder Berliner Bär hin oder her – natürlich um eine Anspielung auf die Berlinale. Dort lief Biniez’ Debütfilm im Februar im Wettbewerb und wurde mit Preisen regelrecht überschüttet: Die 84 Minuten kurze Verliebtheitsgeschichte um einen kräftigen Supermarktwachmann, der sich zum sym­pathischen Stalker entwickelt, wurde mit dem Großen Preis der Jury, dem Preis für den besten Debütfilm und dem Silbernen Bären für den besten Hauptdarsteller bedacht.
Biniez hat damit in der Art­house-Filmwelt einen Blitzstart hingelegt. Und weil das für einen Film aus Uruguay eine doppelt große Sache ist, hat der Botschafter zu sich eingeladen. Statt in der Suite eines Berliner Luxushotels, wie bei solchen Interviews üblich, sitzt der Regisseur nun also in der Diplomatenwohnung am Ende einer langen, leeren Tafel, die mit zahlreichen Porzellanvögeln bevölkert ist.
Auch Biniez wirkt bisweilen leicht irritiert über diese ebenso herzliche wie ungewöhnliche At­mosphäre, während er über „Gigante“ spricht – und über die Ähn­lichkeiten, die es zwischen ihm und der Hauptfigur seines Films, dem Securityangestellten Jara (Horacio Camandule), geben soll. „Ich habe nicht nur Eigenschaften von mir in den Charakter hineingeschrieben. Auch einige meiner Freunde können sich teilweise darin wiederfinden. Und aus all diesen Elementen habe ich Jara dann zusammengesetzt“, sagt der bärtige Mittdreißiger, während der freundliche Botschafter, umwuselt von seinem schwarzen Mops, noch ein paar Häppchen auftischt. „Ich nenne das den Frankenstein-Prozess.“
Wie Jara mag auch er Heavy Metal, stammt aus einfachen Verhältnissen und behauptet von sich – was kaum zu glauben ist –, eher schüchtern zu sein. Von Blind Dates bis hin zu Chats habe er selber schon einiges ausprobiert, um Frauen kennenzulernen, denn seine konsequent erfolg­lose Untergrund-Indie-Rock-Parallelkarriere war entgegen allen Erwartungen diesbezüglich nicht hilfreich. „Bei meinen Konzerten tauchen nach wie vor selten mehr als 50 Leute auf, und mehr als 400 Platten habe ich bislang auch nicht verkauft, an Freunde und Freundes-Freunde“, sagt er. Und das, obwohl er gleich in zwei Bands spielt: In Buenos Aires, wo er geboren wurde, und in der uruguayischen Hauptstadt Monte­video, wo er seit einigen Jahren lebt und seine ersten Erfahrungen als Drehbuchautor sammelte.

Lesen Sie den vollständigen Artikel im aktuellen tip 21/09 auf den Seiten 38-39.

Text: Sascha Rettig

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Gigante“ im Kino in Berlin

Gigante, Uruguay/Deutschland/Argentinien 2009; Regie: Adriбn Biniez; Darsteller: Horacio Camandule (Jara), Leonor Svarcas (Julia), Nйstor Guzzini (Tomбs); Farbe, 84 Minuten

Kinostart: 1. Oktober

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