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Filmkritik

„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“: Die Fahrt, der Müll und der Tod

Schwarze Komödie Den Schlüssel zu ihrem Verständnis liefert die spanische Groteske „Die osbkuren Geschichten eines Zugreisenden“ von Aritz Moreno bereits zu Beginn. Nachdem die Verlegerin Helga Pato (Pilar Castro) ihren Gatten aufgrund skatologischer Neigungen in eine Anstalt gebracht hat, stellt sich ihr auf der Heimreise ein Mann (Ernesto Alterio) im Zug als Psychiater vor.

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden
„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ von Aritz Moreno. Foto: Neue Visionen

Er bietet ihr an, die Fahrzeit bis zum Zielort Madrid mit allerlei Geschichten aus seinen Patientenakten zu verkürzen. Schizophrene Menschen, so führt er beispielsweise aus, würden gern immer neue und andere Geschichten ihres eigenen Lebens erzählen: Wie bei den Schalen einer Zwiebel könne man Schicht für Schicht wegnehmen, ohne jemals eine reale Person zu finden. Was bliebe, das seien die Geschichten.

In diesem Fall: „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“, den man von Anfang an in Verdacht haben muss, ein Hochstapler oder Schlimmeres zu sein. Denn welcher Arzt erzählt schon einfach mal eben so von seinen Patienten, und noch dazu in Bildern, in denen die Realität durch ein Weitwinkelobjektiv verzerrt wird? In seinem ersten Fall berichtet er von einer Frau, die ihm einen Brief schrieb, in dem es um ihren Bruder geht, einen Soldaten im Kosovo-Krieg, der wiederum eine Bekannte hat, die einen Kunden hat, dessen Erlebnisse schließlich die eigentliche Erzählung ausmachen. Die Erzählung wird immer verschachtelter, die Zwiebelschichten immer zahlreicher, die Details immer grauslicher.

Ein paranoider Müllmann prägt „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ von Aritz Moreno

Aritz Moreno spielt dabei mit der Erwartungshaltung des Zuschauers – ehe schließlich alles ins Absurde kippt und die Erzählung bei ausgeschlachteten Kinderleichen anlangt, die von einem hyperrealistischen Künstler in New York verarbeitet werden. Was sich in der zweiten Geschichte als Wahn- vorstellung eines paranoiden Müllmanns erweist – falls man das denn glauben mag.

Mit den Storys, die sich hier in ständig neuen Wendungen entfalten, will Regisseur Artiz Moreno durchaus schockieren: Skatologie, Kinderpornos und Müllberge sind sicher nicht jedermanns Sache, insbesondere dann nicht, wenn man keinen Sinn für schwarzen Humor besitzt. Doch vor allem ist der Film eine Geschichte über das Erzählen, die erzählt, wie sie erzählt.

Immer wieder geht es um das Verhältnis von Realität und medialer Vermittlung: Einmal wird die Verlegerin Helga, die irgendwann die Patientenakten als Buch herausbringen will, als Frau beschrieben, deren Problem darin bestünde, dass sie den Autor mit dem Erzähler seiner Romane verwechselt oder sogar mit den Figuren. Da sind sie dann wieder: die Zwiebelschichten und die Matrjoschkas, die kein Ende zu nehmen scheinen.

Ventajas de viajar en tren (OT); ESP 2019; 103 Min.; R: Aritz Moreno; D: Pilar Castro, Ernesto Alterio, Luis Tosar; Kinostart: 20. 8. 2020


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