Animationsfilm

„Die rote Schildkröte“ im Kino

Zeitenwende im Trickfilm: „Die rote Schildkröte“ überzeugt als klassisch schöner Animationsfilm

Foto: Universum

„In a cartoon you can do anything“ – das ­Credo des legendären US-Zeichentrickregisseurs Tex Avery, der in seinen Filmen gern mit der physischen Unmöglichkeit des Dargestellten spielte, gilt auch heute noch. Nur ist dies kein Alleinstellungsmerkmal mehr wie noch in den 40er- und 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Weiterentwicklung der Tricktechnik durch den Computer hat auch den sogenannten Realfilm heute in die Lage versetzt, „alles“ zu können, ohne dass die Tricks als solche überhaupt erkenntlich sind. Inzwischen gibt es Filme, in denen mit Ausnahme der Schauspieler nichts mehr real ist: Die Welt, in der sie sich bewegen, stammt aus dem Computer.

Bei Disney hat man mittlerweile angefangen, Realfilm-Remakes einstiger Zeichentrickklassiker wie „Cinderella“, „Das Dschungelbuch“ und „Die Schöne und das Biest“ in die Kinos zu bringen. Die wesentliche Frage lautet nun nicht, wie die verschiedenen Versionen gegeneinander bestehen können, sondern, auf welche Weise diese Neuinterpretationen die Erwartungshaltung des Publikums beeinflussen. Wird sich in einigen Jahren noch jemand für Märchengeschichten als Animationsfilm ­interessieren, wenn man an diese Art der Realfilme gewöhnt ist? Das Gleiche gilt für jene ­Animationsfilme, die auf fotorealistische Hintergründe und möglichst spektakuläre Actionsequenzen setzen: Wo bleibt der Witz, wenn Realfilme das noch viel „realistischer“ können? Der Animationsfilm wird sich jenseits der Nische Kinderfilm ein Stück weit neu aufstellen müssen. Einfacher wird er wieder werden müssen, aber künstlerisch wertiger, und er muss sich darauf besinnen, dass seine Stärke in der Vermittlung von Emotionen und Atmosphäre liegt.

Was uns zu „Die rote Schildkröte“ bringt, dem ersten abendfüllenden Animationsfilm des Niederländers Michael Dudok de Wit. Sein Werk entspringt diesem Geiste: Als französisch-belgisch-japanische Produktion weitgehend in Handzeichnung entstanden, ­dominieren hier klare Linien und wenige, zurückgenommene Farben, die eine simple, mit wenigen Fantasy-Elementen gespickte dialoglose Fabel um den Zyklus des menschlichen Lebens illustrieren. Der Film erzählt von einem schiffbrüchigen Mann, der vom Verlassen einer einsamen Insel mehrfach durch eine große rote Meeresschildkröte gehindert wird, die sich bald in eine Frau verwandelt. Mann und Frau bleiben auf der Insel, zeugen einen Sohn, trotzen einem Tsunami und erleben, wie der flügge gewordene Sohn in eine unbekannte Zukunft aufbricht.

Der Umgang mit der Natur und den Elementen, die mythologischen Aspekte der ­Geschichte sowie die Unausweichlichkeit des Lebenszyklus dürften als Themen auch das koproduzierende japanische Studio Ghibli angesprochen haben, das sich nach dem Ende der Ära der Gründer Miyazaki/Takahashi ebenfalls neu aufstellen muss und dessen bislang letzter Film 2014 in die Kinos kam.

Stilistisch betrachtet ist „Die rote Schildkröte“ ein rein europäischer Film, thematisch und atmosphärisch jedoch den Ghibli-Filmen nahe. Die klare Schönheit von Dudok de Wits Film ließ ihn beim Festival in Cannes einen Spezialpreis in der Sektion Un Certain ­Regard gewinnen und eine Oscar-Nominierung ­erlangen. Gewonnen hat den Oscar mit „Zoomania“ dann zwar ein deutlich konventionelleres Familien-Entertainment, aber immerhin ist das Rennen um die Zukunft der Animation eröffnet.

La tortue rouge (OT) F/B/J 2016, 80 Min., R: Michael Dudok de Wit, Start: 16.3.

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