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„Die Russen kommen“ im Babylon Mitte

Die Russen kommen

Als Olga Delane vor zwei Jahren nach Krasnokamensk reiste, da war es ein Wiedersehen der intensiven Art: 16 Jahre lang war die Russlanddeutsche nicht mehr am Ort ihrer Kindheit gewesen. Und als sie dort mit Filmkamera auftauchte, begegneten ihr die Bewohner so neugierig wie einer Besucherin von einem anderen Stern. „Endstation Krasnokamensk. Ein Heimatbesuch“ hieß der Film über die Stadt in Ostsibirien, die zu Sowjetzeiten an einer Uranmine angesiedelt wurde und wo der gefährliche Abbau bis heute das Leben der Menschen prägt.
Ihre Jetztaufnahme des belasteten Ortes zeigte Delane im November im Kino Babylon. Daraus entstand spontan die Idee eines regelmäßigen Salons mit russischen Filmen. Vorführungen von sowjetischen Klassikern aus den Siebzigern wie Wassilij Schuckschins „Der rote Holunder“ oder Akira Kurosawas Defa-Film „Uzala, der Kirgise“ seien ausverkauft gewesen, berichtet sie. „Es kommen vor allem deutsche Besucher, die in der DDR mit diesen Filmen aufgewachsen sind“, sagt Olga Delane. Ein bisschen Nostalgie sei denn auch dabei, wenn es freitagabends im Babylon heißt „Die Russen kommen!“ Nach den Projektionen eröffnen Delane und Mitbetreiberin Marina Weis ein Filmgespräch, gereicht werden warme Pelmeni, Wodka und Tee aus dem Samowar. Neben bekannten Werken möchte die Filmemacherin und Fotografin auch das junge russische Kino fest im Programm verankern: Filme wie den im Neo-Sowjetkino-Stil gedrehten Kunstfilm For Marx oder Alexandra von Alexander Sokurov, die im Januar im Babylon liefen. Vorerst aber will sie ein Stammpublikum für die Reihe etablieren, und so bucht Delane weiterhin Klassiker wie zuletzt die Komödie „Moskau glaubt den Tränen nicht“.
Auch abseits des Vorführraums treibt Olga Delane ihre Beschäftigung mit der alten Heimat weiter. Angeregt durch die eigene Filmrecherchen hat sich die Wahlberlinerin auf die Spuren ihrer Vorfahren begeben und sich im transbaikalischen Steppenland einer verfallenen Kirche angenommen. Das Kulturdenkmal, das einst aus den Überresten eines mongolischen Tempels errichtet wurde und zu Sowjetzeiten als Kuhstall diente, will sie vor dem Verfall bewahren. Mit ihrer Begeisterung hat sie viele Dorfbewohner angesteckt, seither steht die Reise-Achse Berlin-Transbaikalien. Von der gegenwärtigen politischen Lage, den Auswirkungen des Ukraine-Konflikts und der Anspannung zwischen Putins Moskau und dem Westen komme dort, im archaischen Grenzland nahe China, wenig an. „Die Leute interessieren sich dafür, ob ihre Kühe genug Milch geben und ob sie Brot auf dem Tisch haben“, erzählt sie. „Für die Menschen dort ist Moskau so weit weg wie Berlin.“

Text: Ulrike Rechel

Text: Mosfilm / Defa-Stiftung

Die Russen kommen, ?Russische Filmreihe, immer freitags 20 Uhr, Babylon Mitte

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