Kino & Stream

Die Sektion Generation auf der Berlinale

„Meiner Mutter geht’s nicht gut ohne den Alten“, teilt der Junge seinem Freund mit. Was genau mit seinem Vater los ist, erfahren wir im brasilianischen „Os famosos e os duendes da morte“ („The Famous and the Dead“) nicht – man darf vermuten, dass er im Knast ist. Der Sohn jedenfalls will ihn nicht sehen, darüber braucht man nicht zu diskutieren.
Abwesend sind die Väter in auffallend vielen der Filme des Programms der Generation 2010. Manchmal kommen sie im Verlauf der Geschichte zurück, aber das ist dann kein Zuckerschle­cken. Der elfjährige Boy etwa, im neuseeländischen „Boy“, imaginiert seinen Vater als Supermann. Als er dann eines Tages vor ihm steht, kann der Junge sich nur mit weiteren Fantasien über die trostlose Wirklichkeit hinwegtrösten. Boy ist Michael-Jack­son-Fan, und in der Tanznummer zum Abspann des Films sieht man den Vater im rotschwarzen Lederdress im Jack­son-Stil sich bewegen, zusammen mit seinem Sohn und all den anderen. Aber nicht das Stück Hoffnung, das in diesem Moment steckt, bleibt in der Erinnerung, sondern eine andere Szene: Da sitzen der Vater und seine beiden Kumpels nach der Rückkehr auf der einen Seite des Tisches und die Kinder auf der anderen. Zwischen ihnen herrscht ein beredtes Schweigen – ein deprimierender Moment.
Angesichts solcher Väter sind die Fluchtbewegungen der Söhne nur allzu verständlich: Dass der Sohn im indischen „Road, Movie“ von seinem eigenen Vater hinaus in die Welt geschickt wird, ist dabei eine kleine Ironie – im Verlauf seines Abnabelungsprozesses wird auch das Kino eine Rolle spielen. Die am Ende erfolgreiche Vatersuche in „Bran Nue Dae“ dagegen ist gleichermaßen Zufall wie Kraftakt: Hier bekommt der Abo­rigine-Protagonist gleich noch einen Halbbruder dazu. Mit dem etwas groben Humor, in dessen Zusammenhang auch ein deutscher Hippie eine Rolle spielt, versöhnen allerdings die Momente, in denen das ganze Ensemble immer wieder in Tanz- und Gesangsnummern ausbricht – die Schlussnummer „There is nothing I would rather be/than to be an aborigine“ hat sogar das Zeug zum Ohrwurm.
Die räumlichen Fluchtbewegungen sind allerdings eher die Ausnahme, die meisten Kinder und Jugendlichen versetzen sich einfach zu Hause in eine andere Wirklichkeit, sie chatten mit anderer Identität im Internet, wie der Junge aus „The Famous and the Dead“, sie imaginieren ferne Welten, indem sie Science-Fiction-Storys zu Papier bringen (wie Michael Angarano in Jared Hess’ „Gentlemen Broncos“), oder sie legen sich ein Alter Ego zu wie Michael Cera in Miguel Artetas „Youth in Revolt“. Dieser Francois Dillinger, der französische Lässigkeit mit kaltblütiger Entschlossenheit verknüpft, vermag es sogar, einen Nick Twisp cool aussehen zu lassen, auch wenn es dafür einiger haarsträubender Aktionen bedarf, die den Film auf der feinen Trennungslinie zwischen Komik und Tragik balancieren lassen. Eher dem Melodram verwandt sind die Fan­ta­sien der 16-jährigen Emmanuelle in „Les nuits de Sister Welsh“, in denen sich ihre strenge und gefühlskalte Mutter in eine liebende und kämpfende Nonne, Heldin eines Roman-Schmachtfetzens, verwandelt. Emmanuelle selber verliert dagegen mehr und mehr den Bezug zur Realität.

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