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„Die Summe meiner einzelnen Teile“ im Kino

Die Summe meiner einzelnen Teile

Martin (Peter Schneider), ein junger Mathematiker, findet nach einer psychischen Krise nicht mehr in den Alltag zurück. Der Job ist weg, die frühere Freundin auch. Er verliert den Halt, beginnt wieder zu trinken, fliegt aus der Wohnung, fängt ein Streunerleben an. Die Begegnung mit einem zehnjährigen ukrainischen Flaschensammler (Timur Massold), einem verlassenen Kind, wie er selbst eines war, setzt Überlebenskräfte, neues Empfindungsvermögen und spielerische Fantasie in ihm frei.
Hans Weingartner kehrt mit dem Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“ zu seinem dringlichsten Erkenntnisinteresse zurück, der Vielgestaltigkeit und Verletzlichkeit der menschlichen Psyche. Wie sein erster Überraschungserfolg „Das weiße Rauschen“ (2001) plädiert auch das Drama um Martin für die Befreiung von der repressiven Psychiatrie, die ­Weingartner als klares Indiz für die herrschende normative Zurichtung des Individuums sieht. Ins Freie! Dieses Motto seiner rebellischen Protagonisten versteht er wie auch in seinem Spaßguerilla-Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ in alter romantischer Tradition als heilende Begegnung mit der Natur. Martin und Viktor fliehen in den Wald, bauen sich eine Hütte und führen am Rand der Zivilisation eine frei gewählte Einsiedlerexistenz. Viktor, der einzige Freund, mag Martins Fantasie entsprungen sein, vielleicht stellt er nur die filmische Visualisierung von Martins ­“innerem Kind“ dar – ein Erinnerungsbild, das die Kliniktherapeutin in ihm wachrief, um verschüttete Traumata mit ihm bearbeiten zu können.
Doch solch begrifflich abstrakte Trennschärfe spielt in der Tour de Force durch Martins Binnenwelt keine Rolle. Weingartner lässt dem „inneren Kind“ alle Freiheiten und zeigt trotz einiger Längen mitreißend, wie die gelebte und durchlittene Schizophrenie langsam elementare Selbstheilungskräfte in Martin freisetzt. Der Schauspieler Peter Schneider gibt der Zerrissenheit des wilden Außenseiters eindrückliche Kontur. Seine Freiheit macht ihn sensibel für eine zarte Zuneigung zu Lena (Henrike von Kuick), der Kranke ist weniger soziopathisch als der normale Rest der Welt. Der aber reagiert mit Macht.

Text: Claudia Lenssen

Foto: Senator Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Summe der einzelnen Teile“ im Kino in Berlin

Die Summe meiner einzelnen Teile, Deutschland 2011; Regie: Hans Weingartner; Darsteller: Peter Schneider (Martin Blunt), Timur Massold (Viktor), Henrike von Kuick (Lena); 118 Minuten; FSK 12

Kinostart: 2. Februar

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