Zwangsneurotische Rituale

„Die Taschendiebin“ im Kino

Der gefeierte südkoreanische Regisseur Park Chan-wook legt in ­seinem neuen Film „Die Taschendiebin“ verschlungene erotische Pfade aus

Foto: Koch Films

Eine dreiteilige Intrige steht im Mittel­punkt des neuen Films des koreani­schen Regisseurs Park Chan-wook. Das hübsche Dienstmädchen Sookee wird zu der fragilen Lady Hideko geschickt, die in einem ­einsamen Anwesen mit ihrem exzen­trischen Onkel Kouzuki lebt. Sookee hat einen Auftrag: Sie soll Hideko in die Arme des Grafen Fujiwara treiben, der sie heiraten will, um sich schließlich ihr Vermögen unter den ­Nagel zu reißen.
Doch als sich die Sache zuspitzt, beginnt „Die Taschendiebin“ noch einmal von vorn, und nun sehen wir alles aus der Perspektive von Lady Hideko, bevor sich dann in einem dritten Teil eine unerwartete Synthese ergibt.
Es ist das Korea der 30er-Jahre, die Japaner sind als Kolonialmacht im Land und bestimmen auch kulturell, was Sache ist. Das Haus von Onkel Kouzuki hat einen japanischen Flügel, und einen westlich-modernen. In der Mitte liegt das Allerheiligste, ein Leseraum, in dem die Lektüre zu einem erotischen – und zwangsneurotischen – Ritual wird.

Die Architektur dieses sehr speziellen Lusttempels gibt auch ein gutes Bild ab für die Konzeption von Park Chan-wooks neuem Film. Denn er verbindet geschickt westliche und östliche Elemente. Das beginnt schon bei der literarischen Vorlage: Der Roman „Solange du lügst“ („Fingersmith“) von Sarah Waters erzählt eine Geschichte aus dem ­viktorianischen England, mit all dem Drumherum (Taschendiebe! Leichte Mädchen! Manipulative Schurken!), bei dem man schnell an Charles Dickens denken soll. Von dem Roman gibt es auch eine ­konventionelle britische Miniserie von 2005, mit britischem Schauspieladel und in jeder Hinsicht ­gediegener Gestaltung. Das heißt, es bleibt noch genügend Luft nach oben für eine ­andere Bearbeitung, die deutlicher auf den Konflikt verschiedener Formen von Sexualität eingeht.
Für Sookee ist die Arbeit bei Lady Hideko auch so etwas wie eine Einführung in das „Reich der Sinne“ – so heißt ein japanischer Klassiker von Nagisa Oshima (1976), auf den Park Chan-wook nicht direkt anspielt, der aber durchaus in die Welt von Onkel ­Kouzuki passen würde. Seine Passion für die Bücher ist im Grunde ein recht leicht zu durchschauender Objektfetischismus, mit dem er sein Bedürfnis nach einer drakonisch choreografierten Lust beruhigt.
Der Graf Fujiwara, der in Wahrheit nicht viel mehr als ein Bettlerkönig ist, und der Sookee schon als kleines Mädchen unter seine Fittiche genommen hat, glaubt ebenfalls, er könnte alles nach seinem Drehbuch ablaufen lassen. Doch zwischen Sookee und Lady ­Hideko entwickelt sich etwas, das sich der Dominanz der Männer zunehmend entzieht. Während es anscheinend immer noch darum geht, wer (und vielleicht: an wessen Stelle) in ein ­Irrenhaus kommen soll (also vorher verrückt gemacht werden muss), finden die beiden Frauen immer mehr Vertrauen zuein­ander. Und so wird „Die Taschendiebin“ im dritten Teil zu einem Fluchtthriller, in dem noch einmal gründlich die Folterkammer ausgemalt wird, der Sookee und Lady Hideko zu entkommen versuchen.

Für Park Chan-wook, der sich mit seiner „Vengeance“-Trilogie einen Ruf als Extremist des Weltkinos gemacht hat, bedeutet „Die Taschendiebin“ einen weiteren Schritt in die Richtung einer global zugänglichen Filmsprache. Zuletzt hatte er mit „Stoker“ sogar schon einen Film mit westlichen Darstellern (Mia Wasikowska und Nicole Kidman) ­gemacht, der eher reservierte Reaktionen hervorrief. Nun schwelgt er geradezu in einer Verbindung verschiedener Ästhetik-Formen: Die sorgfältig gepflegte japanische Gartenwelt, die sich mit ihren künstlich angelegten Teichen und Wegen noch im Leseraum von Onkel Kouzuki abbildet, trifft auf die mondäne Moderne der 30er-Jahre, die vor allem Graf Fujiwara vertritt, der sie aber als Hochstapler auch nur spielt. Ob es für die weib­liche, unmittelbare Lust tatsächlich einen Freiraum gibt, wie Park Chan-wook behauptet, oder ob sein Film nicht vielmehr die nächste Ebene der männlichen Blicklust und Dominanz darstellt, das ist eine Frage, über die man nach „Die Taschendiebin“ schön streiten kann.
Vorher aber kann man sich von Park Chan-wook an der Nase herumführen lassen, und für die Fans seines Skandalfilms „Oldboy“ gibt es zum Ende hin noch eine Anspielung: Im Hintergrund des Folterkabinetts des Herrn Kouzuko wälzt sich ein mächtiger ­Krake in einem Becken. Er ist eindeutig zu groß, um ihn lebendig zu verzehren (wie es in „Oldboy“ einem Gattungsgenossen geschah), aber er gibt ein beunruhigendes Bild für die verschlungenen Motive ab, auf deren Spur sich „Die Taschendiebin“ begibt.

Ah-ga-ssi (OT) KOR 2016, 145 Min., R: Park Chan-wook, D: Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong, Kim Hae-sook, Moon So-ri, Start: 5.1.

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