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„Die Unsichtbare“ im Kino in Berlin

Die_UnsichtbareDie Schauspielschülerin Josephine ist das ewige Kind aus der zweiten Reihe. Zu Hause muss sie für die schwerstbehinderte Schwester und ihre überforderte alleinerziehende Mutter immer nur funktionieren und ist darüber „Die Unsichtbare“ geworden. Tief im inneren Exil vergraben, sehnt sie sich auf die Bühne als Ort maximaler Aufmerksamkeit, verfällt beim Vorspielen aber in Schockstarre – und schläft ein. Trotzdem besetzt sie der renommierte Regietheater-Fürst Kaspar Friedmann in einer Hauptrolle, wittert ihre Bereitschaft zur Unterwerfung. Sie ist befremdet vom Status der Favoritin und richtet sich zugleich daran auf. „Es gibt Risse in der Hülle“ ist ein zentraler Satz der Figur Camille, dieser durch Missbrauch traumatisierten Nymphomanin, die Josephine auf der Bühne spielen soll. In deren Maske, mit High Heels und weißblonder Perücke, geht sie durch die Straßen, mit einem Mal hypersichtbar. Mit geliehenen Worten wird sie zur Verführerin und wählt, beziehungsreich-zufällig, den Nachbarn aus dem Hinterhaus, mit dem sie bisher nur eine voyeuristische Fenster-zum-Hof-Beziehung verband. „Seelenaufwand“ fordert ihr Regisseur von ihr und zwingt sie, die eigenen Verletzungen zuzulassen und zur Schau zu stellen. Er instrumentalisiert die Gewalt, die dadurch freigesetzt wird, kann oder will aber keine Verantwortung für die psychischen Folgen übernehmen.

Nach „Novemberkind“ hat Christian Schwochow die Hürde des berüchtigten zweiten Films souverän genommen und erweist sich wieder als feinfühliger Schauspieler-Regisseur. Die Dänin Stine Fischer Christensen, die zuvor kein Wort Deutsch sprach, ist sensationell als Josephine, voll kindlicher Selbstvergessenheit und gänzlich unirritiert von der strukturellen Reflexivität der Rollenkonstruktion. Ulrich Noethen spielt den Regisseur als zugleich parasitären und heilsamen „Blutegel“, getrieben von einer verzweifelten Müdigkeit. Ruhig und vertraulich wird das alles erzählt, die unaufdringliche Geselligkeit der Kamera wirkt auf kunstvolle Weise beiläufig. Trotz allerlei Theaterfolklore mit wilden Partys, Eifersüchteleien, Intrigen und einem Regieberserker mit Alkoholproblem gelingt es dem Film, eine vom Milieu ablösbare Geschichte der Selbstfindung durch Selbstentäußerung zu transportieren.     

Text: Stella Donata Haag
Foto: Jakob Reinhardt
tip-Bewertung: Sehenswert

Die Unsichtbare im Kino in Berlin
Deutschland 2011; Regie: Christian Schwochow;
Darsteller: Stine Fischer Christensen (Josephine Lorentz), Ulrich Noethen (Kaspar Friedmann), Dagmar Manzel (Susanne Lorentz);
113 Minuten; FSK 12;
Kinostart: 9. Februar

 

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