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Die Vagina Gottes

Marihuana macht alles besser. Das Essen schmeckt besser, die Musik klingt besser, der Sex wird besser. Sogar schlechte Filme werden besser. Das ist zumindest die Überzeugung von Dale Denton. Dale ist alles andere als eine Strebernatur. Beruflich juckelt er mit einer schrottreifen Kiste durch Los Angeles und stellt Gerichtsvorladungen zu, privat hat er eine stattliche Wampe und eine Freundin, die noch zur Schule geht. Um mal wieder ein wenig Farbe in sein zielloses Dasein zu bringen, schaut er bei seinem Dealer Saul vorbei, der gerade eine neue Supersorte im Angebot hat. Der Stoff heißt „Ananas Express“ und riecht wie die Vagina Gottes. Leider erweist sich das Zeug als gesundheitsgefährdend, denn es ist unter den Großhändlern der Stadt so begehrt, dass sie dafür über Leichen gehen. Dale wird zum unfreiwilligen Zeugen eines Mordes, und plötzlich trachten die Handlanger eines Drogenbarons nach seinem Leben, was wiederum zu einer rasanten Verkettung von verpeilten Dialogen, halsbrecherischen Verfolgungsjagden und unbeholfenen Schlägereien führt.
„Ananas Express“ war ein Renner an den amerikanischen Kinokassen: An ihrem Startwochenende hat die Action-Komödie gar „The Dark Knight“ von der Spitze der Filmcharts verdrängt. Das Drehbuch basiert auf einer Idee des Hit-Fabrikanten Judd Apatow und stammt aus der Feder von Evan Goldberg und Hauptdarsteller Seth Rogen, die mit dem handlungsarmen „Superbad“ schon im letzten Jahr die Teenie-Komödie der Saison vorgelegt haben. „Ananas Express“ ist lauter, schmutziger und erwachsener als „Superbad“, zeichnet sich aber auch durch das realitätsnahe Verhalten seiner Figuren und durch eine große Liebe zum Detail aus – allein für die psychedelisch gemus­terten Schlabberhosen, die James Franco in der Rolle des Kleindealers Saul trägt, möchte man den Ausstatter umarmen.

Mit der Regie hat Apatow den Autorenfilmer David Gordon Green beauftragt, der bisher auf ernste Stoffe abonniert war. Nun wollte Green offensichtlich zeigen, dass er die Leute auch zum Lachen bringen kann. Seinem Händchen ist es zu verdanken, dass „Ananas Express“ sich einerseits als überdrehte Hommage an zweitklassige Action-Reißer aus den 80er Jahren und an Stoner-Komödien wie Cheech und Chongs „Viel Rauch um nichts“ esen lässt, zugleich aber auch die geradezu rührende Geschichte von zwei Geschäftspartnern erzählt, die im Angesicht des Todes zu Freunden fürs Leben werden.
Das amerikanische Magazin „High Times“ zeichnete „Ananas Express“ bei der alljährlichen Verleihung der Stoney Awards in der Kategorie „Best Pot Comedy“ aus und erklärte James Franco für seine darstellerischen Leistungen zum „Stoner of the Year“ (Sein Ko-Star Seth Rogen erhielt diesen Preis im letzten Jahr für seine Rolle in „Knocked Up“).
Dale und Saul sind jedoch nicht die einzigen überzeugten Kiffer, die derzeit über die Leinwände und Bildschirme stolpern. Im August diagnostizierte die „New York Times“ ein neue Blüte des Kifferfilms. Neben „Ananas Express“ und der in Deutschland gefloppten TV-Serie „Weeds“ zählte die Zeitung Produktionen wie Gregg Arakis „Smiley Face“ und das im New York der frühen 90er angesiedelte Drama „The Wackness“ zu den Indikatoren für ein Revival. Die Liste der Filme, die sich in jüngster Zeit in humorvoller und affirmativer Weise mit exzessivem Cannabis-Konsum aus­­einandersetzen, ist aber noch viel länger: „Puff Puff Pass“, „Super High Me“, „Evil Bong“ oder „Brighton Wok – The Legend of Ganja Boxing“ – allein die Titel sprechen Bände.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis der sorglose Umgang mit Marihuana, der in weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung gepflegt wird, auch im Kino seine Entsprechung findet. Gras ist gesellschaftsfähig geworden: Während die archetypischen Potheads Cheech und Chong nur zwei Cartoon-artige Außenseiterfiguren waren, Spät-Hippies, die irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein schienen, handelt es sich bei den Protagonisten der neuen Kifferfilme nicht um bärtige Freaks, sondern um ganz normale Leute mit ganz normalen Gefühlen, die allenfalls ein bisschen unkonzentrierter und vergesslicher sind als ihre Mitmenschen.
Dass Marihuana-Konsum einen aber auch heute noch in ernsthafte Schwierigkeiten bringen kann, zeigt „Harold & Kumar 2: Flucht aus Guantanamo“ auf eindring­liche Weise.

Der Film, der in Deutschland leider nur auf DVD erscheint, dürfte bei der Sichtung durch den Ausschuss der Freiwilligen Selbstkontrolle Betretenheit ausgelöst haben, denn er lässt keine Schamlosigkeit und keinen Schlag unter die Gürtellinie aus. Die Handlung des ersten Teils ist schnell erzählt: Ein Inder und ein Koreaner kiffen sich vorm Fern­seher zu und bekommen dabei Heißhunger auf einen speziellen Hamburger, was eine nächtliche Odyssee durch New Jersey nach sich zieht. Im zweiten Teil tritt das multikulturelle Gespann eine Reise nach Amsterdam an. Kumar kann es jedoch nicht bis zur Landung abwarten, schon auf der Flugzeugtoilette will er seine neue Erfindung ausprobieren: Eine rauchfreie Bong. Eine ängstliche Passagierin hält den Apparat für eine Bombe, und ein übereif­riger Regierungsbeamter verfrachtet Harold und Kumar ohne Umwege nach Guantanamo. Kurz bevor sie dort von einem hünenhaften Aufseher zum Oralsex gezwungen werden können, gelingt ihnen die Flucht nach Florida. Was folgt, gleicht einer knallbunten Mischung aus „Auf der Flucht“ und „Dumm und Dümmer“: Beim Versuch, sich zu rehabilitieren, irren Harold und Kumar quer durch den amerikanischen Süden. Dabei nehmen sie unter anderem an einer Unten-ohne-Party teil, sie werden von einem freundlichen Redneck mit schlechten Zähnen zum Gruppensex eingeladen, und sie saufen mit dem Ku-Klux-Klan. Und weil das, was einmal witzig ist, auch zweimal witzig ist, werden viele Gags aus dem ersten Teil einfach noch mal verbraten. Die atemlose Irrfahrt endet im Partykeller von George W. Bush. Der Präsident erklärt den beiden, dass man seine Regierung nicht lieben muss, um sein Land zu lieben – natürlich erst, nachdem die drei gemeinsam einen durchgezogen haben.


Der Humor, der diesen Film vorantreibt, ist mitunter schwer verdaulich, aber es ist genau der Humor, den ein Land verdient hat, das von ignoranten Sicherheitsfanatikern beherrscht wird. „Harold & Kumar 2: Flucht aus Guanta­namo“ macht sich lustig über die Ignoranz, die das Amerika von heute prägt – und über die politisch korrekte Hypersensibilität, die sich dieser Ignoranz entge­gen­stellt. Deshalb ist dieser Film auch nüchtern betrachtet sehenswert.
Der dritte Teil ist übrigens schon in Arbeit. Es qualmt weiter.

Text: Heiko Zwirner

Pineapple Express USA 2008; Regie: David Gordon Green, Darsteller: Seth Rogen (Dale Denton), James Franco (Saul Silver), Danny
McBride (Red), Gary Cole (Ted Jones); Farbe, 111 Minuten;
Kinostart: 23. Oktober
Annehmbar 3

Harold & Kumar 2: Escape From Guantanamo USA 2008
Regie: Jon Hurwitz, Hayden Schlossberg
Darsteller: John Cho (Harold Lee),
Kal Penn (Kumar Patel),
Rob Corddry (Ron Fox);
Farbe, 107 Minuten;
DVD-Veröffentlichung: 17. Oktober
Sehenswert 2

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