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„Die Vaterlosen“ im Kino

Die Vaterlosen

Ein VW-Bus kurvt durchs Grüne, im Inneren schallt aus fröhlichen Kinderkehlen ein Lied von Rio Reiser. So wie im Prolog von „Die Vaterlosen“ war man in den Siebzigern unterwegs – in Zeiten, in denen Rockbands Kinderplatten machten und linke Dichter Fernsehsendungen wie „Rappelkiste“. Im Langfilmdebüt der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer führt ein harter Schnitt aus der lichten Szenerie ins Jetzt. Es ist düster, der Sohn erreicht abends das Haus seiner Kindheit, als Erster von vier Geschwistern. Der Vater liegt im Sterben, doch nur der Älteste kann noch ein paar Sätze mit ihm wechseln. Es sind keine besonders innigen. Anders als in Thomas Vinterbergs „Festen“ trifft sich in „Die Vaterlosen“ kein Großbürger-Clan, sondern die Sippe eines ehemaligen Hippie-Kommunarden (Johannes Krisch). Bis zur Beerdigung wird es sie zur Auseinandersetzung mit dem Alten drängen. Als stückweise Rekonstruktion der Figur des Toten legt Kreutzer ihren Film an. Dass etwas im Argen liegt in der antiautoritären Sphäre, wird schnell klar, als die jüngste Schwester Mizzi (Emily Cox) beim Eintreffen der älteren Kyra (Andrea Wenzl) aus allen Wolken fällt. Von deren Existenz hatte sie nie erfahren; fordernd bringt sie Vergessenes und Verdrängtes in Wallung.
In Gesprächen und Erinnerungen vollzieht sich die Vergangenheitsbewältigung der Geschwister, Rückblenden lassen den Vater lebendig werden. Die leicht überbelichteten Bilder reihen sich zu Schlüsselsituationen um den Patriarchen im Kreise seiner vielen Frauen und der von unterschiedlichen Müttern stammenden Kinder. Je mehr Licht aber auf ihn fällt, desto flacher erscheint die Figur letztlich, samt ihrem vermeintlich freien Lebensentwurf.
Manche Szenen wirken recht klischeehaft, so wenn der Vater als Hahn im Korb beim Gruppenyoga im haremsartigen Reigen zu sehen ist oder wenn er seinen sensiblen Sohn alles andere als antiautoritär zur Rede stellt. Johannes Krischs charismatische Präsenz verhindert, dass man nicht früh das Interesse an der Figur verliert.
Auf einer anderen, fein differenzierten Ebene aber gelingt es der Filmemacherin, etwas über die komplexen Kräfte im Beziehungssystem von Familien zu erzählen. Die Figur des Ältesten Niki (Philipp Hochmair), der sich als Verantwortungsträger im „vaterlosen“ System abmüht, entwickelt in ihrer leisen Tragik Lebendigkeit. Gleiches gilt etwa auch für Emily Cox als im Kindlichen gefangenes Nesthäkchen. Nicht zuletzt aus starken Darstellungen auch in weniger zentralen Rollen zieht „Die Vaterlosen“ immer wieder Lebendigkeit. Davon könnte noch mehr strömen, würde Kreutzer die Zügel ihrer Erzählung weniger straff anziehen, mutiger manche Lücke lassen. So bleibt gegen Ende des verdichteten Familienbildnisses der Eindruck, dass auch wirklich jeder Stein im Gefüge zumindest angetippt wurde. Ein etwas zu pflichtschuldiger Gestus.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Vaterlosen“ im Kino in Berlin

Die Vaterlosen, Österreich 2011; Regie: Marie Kreutzer; Darsteller: Andreas Kiendl (Vito), Andrea Wenzl (Kyra), Johannes Krisch (Hans); 107 Minuten; FSK 6

Kinostart: 4. August 

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