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„Die Vermissten“ im Kino

Die Vermissten

Ein Vater, der seine verschwundene Tochter sucht: Diese Geschichte ist schon oft erzählt worden. Doch selten liegt zwischen dem ersten und dem letzten Bild eine größere Differenz als in Jan Speckenbachs „Die Vermissten“, in dem ein Atomtechniker namens Lothar sich im Verlauf seiner Suche nahezu vollständig verliert. Zu Beginn ist alles noch relativ alltäglich: Lothar (Andrй Hennicke) holt seine Freundin Vera von einem Flughafen ab, er lebt mit ihr anscheinend in einer gelassenen Zweisamkeit, in der schon zu erkennen ist, dass Lothar einige Geheimnisse mit sich herumträgt. Ein Anruf zwingt ihn schließlich dazu, mit einer Wahrheit herauszurücken: Lothar hat eine halbwüchsige Tochter mit seiner früheren Lebensgefährtin Sylvia (Jenny Schily). Und diese Martha ist nun verschwunden.
In so einer Situation denkt man unwillkürlich an das Schlimmste. Doch Jan Speckenbach geht es um mehr als die Tragödie einer zerbrochenen Familie. „Die Vermissten“ weitet den Blick auf das Gesellschaftliche und riskiert dabei so etwas wie einen sozialen Befund: den einer grundsätzlichen Entfremdung zwischen den Generationen nämlich. Erzählt wird das allerdings keineswegs thesenhaft, sondern durchwegs schlüssig immer nahe an der Hauptfigur Lothar, der auf seiner Suche seltsame Wege geht und sich eines Morgens ohne Geld und mit nassen Socken am Rande eines Ackers vorfindet (mehr Wildnis geht nun einmal nicht in Deutschland).
Jan Speckenbach hält sich mit dem konventionellen Drama also nicht lange auf, sondern er verbindet in „Die Vermissten“ das Motiv der zerrissenen Kernfamilie mit einem Motiv der entwurzelten Menschheitsfamilie. Latent postapokalyptisch von dem großen Graben zwischen den heute Halbwüchsigen und ihren Eltern zu erzählen, das ist ein im deutschen Kino seltenes Wagnis, das hier im Wesentlichen gut aufgeht.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Tom Akinlemin / Junifilm

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Vermissten“ im Kino in Berlin

Die Vermissten, Deutschland 2012; Regie: Jan Speckenbach; Darsteller: Andrй Hennicke (Lothar), Luzie Ahrens (Lou), Sylvana Krappatsch (Vera); 86 Minuten; FSK 12

Kinostart: 10. Mai

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