Trauma-Drama

„Die Welt sehen“ im Kino

„Die wollen doch nur unsere Erinnerungen durch saubere Bilder ersetzen“, motzt Marine, eine französische Soldatin, die gerade von einem Einsatz in Afghanistan kommt

Peripher Jerome Prebois

In ­Zypern soll die ganze Truppe drei Tage Pause machen, in einem Ferienhotel, in dem sich auch ganz normale Gäste aufhalten. Drei Tage „Dekompression“, mit Gruppentherapie und freier Zeit dazwischen.
Nicht alle reagieren so patzig wie Marine auf die Versuche, mit Hilfe von virtuellen Bildern an jene Bilder im Kopf heranzukommen, wie es in „Die Welt sehen“ („Voir du pays“) von Delphine und Muriel Coulin zu sehen ist – ein Verfahren, das man bisher vor allem aus den Videoarbeiten von Harun Farocki kannte, das nun aber auch in einem Spielfilm auftaucht, dem offensichtlich genaue Recherchen ­zugrunde liegen.

Marine teilt mit Aurore ein Zimmer. Kaum ist die Freude über das erste richtige Bett nach sechs Monaten im Feld bei Aurore abgeklungen, da verdunkelt Marine auch schon alles. Sie hält den Lärm nicht aus – den Lärm der Touristen im Hotel.
Die Schwestern Coulin interessieren sich mit ihrem zweiten Film nach „17 Mädchen“ für ­einen Schwebezustand zwischen Alltag und Trauma und innerhalb dieser Situation noch einmal besonders für die Frauen, deren ­Geschlecht eigentlich nach Möglichkeit keine Rolle spielen soll. „Die Welt sehen“ ist ein spannender, ungemein reichhaltiger Film über einen Stress, von dem man sich kaum eine richtige Vorstellung machen kann, schon gar nicht inmitten eines künstlichen Paradieses.

Voir du pays (OT) F/GR 2016, 102 Min., R: Delphine und Muriel Coulin, D: Ariane Labed, Soko, Ginger Roman, Karim Leklou, Start: 9.11.

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