Klassikerverfilmung

„Die Wildente“ im Kino

Erfrischende Neuinterpretation von Ibsens Drama

Foto: Arsenal Filmverleih

Der junge australische Regisseur Simon Stone ist zur Zeit ein Shooting Star an deutschen Bühnen. Meist inszeniert er Ibsen und übersetzt die Stücke des Urvaters des psychologischen Realismus in Zeitumstände und Sehgewohnheiten der Netflix-Generation.
So auch in diesem Film, dem man den Ursprung der Theaterinszenierung nicht ansieht: Christian (Paul Schneider) kehrt nach Jahren zurück in die heimatliche Kleinstadt, sein Vater Henry (Geoffrey Rush) heiratet wieder. Der Familienbetrieb, ein Sägewerk, muss schließen, Christians bester ­Jugendfreund Oliver (Ewen Leslie) verliert seinen Job. Olivers ganzes Glück sind seine Ehefrau ­(Miranda Otto) und seine Tochter Hedvig (Odessa Young). Beide Familien verbindet ein Netz aus Abhängigkeiten.
Stone übersetzt Motivationen und Umstände in die Gegenwart, ohne Partei zu ergreifen. Dass man fast alle Figuren gleichermaßen versteht, das ist die große Qualität des Films. Ibsens Drama verhandelt die verschiedenen Aspekte von Wahrheit – ihre erlösende Kraft und ihre zerstörerische Gewalt. Dem Film gelingt dasselbe. Während der ersten Stunde wünscht man sich, dass all die ­unterdrückten Wahrheiten ans Licht kommen, die man im Beziehungsgewebe der Figuren erahnt. Dann versucht jemand den Befreiungsschlag, will die Wahrheit erzwingen – mit maximal destruk­tiver Wirkung. Wie in der klassischen Tragödie nehmen die Ereignisse die schlimmstmögliche Wendung – doch im 21. Jahrhundert laufen manche Dinge auch anders als zu Zeiten Ibsens.

The Daughter (OT) AUS 2015, 96 Min., R: Simon Stone, D: Miranda Otto, Geoffrey Rush, Anna Torv, Sam Neill, Paul Schneider, Start: 27.10.

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