Kino & Stream

„Die Wohnung“ im Kino

Die Wohnung

Die Oma ist tot. Hochbetagt ist die während der Nazizeit aus Deutschland emigrierte Gerda Tuchler mit 98 Jahren in Tel Aviv verstorben. Die neugierige Verwandtschaft rückt an, zum Schauen und Ausmisten. Man wühlt, schmeißt weg und amüsiert sich über Marder- und Fuchspelze, die man als Frau von Welt in einer anderen Ära einst trug. Gerda Tuchler hat offenbar selbst nicht viel weggeworfen. Doch was wissen jene, die nun die Wohnung auflösen, eigentlich vom Leben der Großmutter und ihres bereits zuvor verstorbenen Mannes Kurt?
Regisseur Arnon Goldfinger, Gerdas Enkel, macht einen Versuch mit seinen Verwandten. Ergebnis: null. Selbst die Tochter der Tuchlers, Goldfingers Mutter, ist desinteressiert. Sie habe früher nicht gefragt, die Eltern hätten nicht viel erzählt, und überhaupt zähle das Hier und Jetzt, warum die alten Geschichten wieder aufwärmen. Doch Goldfinger bleibt hartnäckig, ihn interessieren die Großeltern, die in Israel nie wirklich heimisch wurden und nach dem Krieg immer wieder nach Deutschland reisten. Und er stößt auf eine ziemlich unglaubliche Geschichte: Offenbar waren die Tuchlers gut befreundet mit dem SS-Offizier Leopold von Mildenstein und dessen Frau. Gemeinsam bereisten die beiden Paare 1933 Palästina: Die Tuchlers waren engagiert in der zionistischen Bewegung, von Mildenstein erkundete die Emigrationsmöglichkeiten für Juden und schrieb einen euphorischen Artikel für Goebbels Hetzblatt „Der Angriff“. Nach dem Krieg nahmen die Emigranten mit dem Vorgänger Adolf Eichmanns im „Judenreferat“ des SD, der es in der Bundesrepublik zum Pressesprecher von Coca-Cola brachte, die Freundschaft wieder auf. Wie konnte das sein?
Wirklich erklären kann der Film diese Freundschaft auch im Laufe der detektivischen Recherchen Goldfingers nicht, dafür entwickelt sich eine sehr spannende und subtile Dokumentation über die Frage, was die nachgeborene Generation alles verdrängt hat und warum. Denn Goldfinger nimmt seine zögerliche Mutter mit zu einem Treffen mit der Tochter der von Mildensteins, deren Halbwissen über den Vater auch nur auf dessen selbst geschaffenen Legenden beruht. Was die Archive oder bislang unbekannte Verwandte etwa über das Schicksal von Gerdas Mutter oder den tatsächlichen Lebenslauf Leopold von Mildensteins zutage fördern, wird so zu einer bitteren, aber bitter notwendigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und eigenen Herkunft.

Text: Lars Penning

Foto: Salzgeber

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Die Wohnung“ im Kino in Berlin

Die Wohnung, Israel/Deutschland 2011; Regie: Arnon Goldfinger; 97 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 14. Juni

Mehr über Cookies erfahren