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„Die Wolken von Sils Maria“ im Kino

Die Wolken von Sils Maria

Juliette Binoche und Kristen Stewart, europäisches Kunstkino und amerikanischer Mainstream – was Olivier Assayas in seinem neuen Film an Schauspielern vor der Kamera versammelt, sieht auf den ersten Blick höchst disparat aus. Dazu kommen in Nebenrollen eher dem Theater verpflichtete Akteure wie Lars Eidinger und Angela Winkler, und mit Chloë Grace Morez („Kick-Ass“) ein amerikanischer Jungstar.
Aber das passt zu der Geschichte, die der Film erzählt: die einer Schauspielerin, die vor vielen Jahren einen großen Erfolg hatte mit einem Bühnenstück, das vom manipulativen Verhältnis zwischen einer jungen und einer älteren Frau handelt. Damals war sie die junge, jetzt soll sie den Part der älteren übernehmen. Selbstzweifel plagen Maria Enders.
„Die Wolken von Sils Maria“ ist Assayas’ Hommage an Juliette Binoche. Beide hatten ihren Durchbruch 1985 mit Andrй Tйchinйs Film „Rendezvous“, für sie die erste Hauptrolle, für ihn das erste seiner Drehbücher, das realisiert wurde. Ein Jahr darauf debütierte der damalige Filmkritiker Assayas mit „Lebenswut“ als Regisseur. Seitdem wollten Binoche und Assayas immer zusammenarbeiten, aber das klappte bislang nur 2007 bei dem Ensemblefilm „L’heure d’йtй“.
Die Wolken von Sils Maria„Dann kam eines Tages ein Anruf von ihr“, erinnert sich Assayas, „sie hätte im nächsten November fünf Wochen Zeit, ob ich nicht relativ schnell etwas schreiben könnte, was wir zusammen machen könnten. Normalerweise würde ich dann höflich sagen, dass ich mir etwas überlegen wollte, aber hier kamen wir im Gespräch darauf, eine Geschichte zu erzählen, die mit ihrer (und auch unserer) Geschichte zu tun hat – über ein Wiedersehen nach vielen Jahren und den Versuch, an etwas anzuknüpfen und etwas Neues daraus erwachsen zu lassen.“
Das setzte Dinge in Bewegung, fährt Assayas fort, und benennt dann einen Faktor, der sich als hilfreich erwies: „Was mir bei der Entwicklung der Geschichte zugutekam, ist die Tatsache, dass Julie einer der wenigen französischen Stars ist, die eine internationale Karriere hatten. Sie und ich begannen beide mit unabhängigen französischen Filmen und entwickelten dann ein Interesse auch an anderen Möglichkeiten, zum Beispiel Filme in englischer Sprache zu drehen.“ Während Binoche 1988 an der Seite von Daniel Day-Lewis in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ auftrat und 1997 den Oscar als beste Nebendarstellerin für „Der englische Patient“ erhielt, drehte Assayas 2002 mit einer internationalen Besetzung „Demonlover“ und 2004 in den USA „Clean“.
So wie Assayas als Filmkritiker ein Buch mit einem langen Interview mit Ingmar Bergman publizierte, aber auch über das seinerzeit noch zu entdeckende Hongkong-Kino schrieb und Arthouse und Genrekino gleichermaßen schätzte, so bringt er nun in seinen beiden Hauptdarstellerinnen beides zusammen. Seine Entscheidung, die Rolle der Assistentin der Maria Enders mit Kristen Stewart zu besetzen, die durch die „Twilight“-Filmreihe zum Star wurde, weiß Assayas präzise zu begründen: „Mir war klar, Juliette brauchte ein starkes Gegenüber als Herausforderung. Mit einer unbekannteren Darstellerin hätte sie sich zu sicher gefühlt und sie hätten nie diese Art von Interaktion entwickeln können. Juliette steht hier dem größten weiblichen Star einer jüngeren Generation gegenüber, so weiß sie, dass sie kämpfen muss, um sich ihr gegenüber behaupten zu können – sie muss sich neu erfinden.“
So waren die Dreharbeiten auch der Aufeinanderprall zweier gegensätzlicher Arbeitsmethoden: „Juliette und Kristen sind in dieser Hinsicht wirklich sehr unterschiedlich: Kristen ist toll beim ersten Take und hasst es, das Gleiche noch einmal zu machen. Beim nächsten Take macht sie also etwas anders. Juliette ist das Gegenteil, sie braucht eher zehn Takes, um sich warm zu spielen. So musste ich sie hier ermutigen, in Kristens Richtung zu gehen, während sich Kristen daran gewöhnen musste, dass sie auch bei der Wiederholung eines Takes ihre Qualitäten bewahrte – oder sogar noch verbesserte.“

Text: Frank Arnold

Fotos: Pallas Film / NFP / Carole Bethuel

 

Die Wolken von Sils Maria

DIE FILMKRITIK

Wenige Menschen altern gern, Frauen fällt es oft besonders schwer – und für Schauspielerinnen ist es in aller Regel der Todesstoß. Man stelle sich nun eine alternde Schauspielerin vor, die sich auch traut, eine alternde Schauspielerin zu verkörpern – also jemanden wie Juliette Binoche. Die sich dann einen ganzen langen und langsamen Film lang in ihrer verlorenen Jugend spiegelt – in ihrer persönlichen Assistentin (Kristen Stewart) und in dem aufsteigenden Hollywood-Sternchen, das jetzt in dem Stück, das sie vor 20 Jahren berühmt gemacht hat, ihre damalige Rolle spielt. Daraus ergibt sich ein Kammerspiel weiblicher Emotionen. Und ein Insider-Stück über ein relativ neurotisches Milieu. Kurz: ein ziemlich mäandernder, nicht wirklich auf den Punkt kommender Film. Aber ein schöner. Zumal Olivier Assayas auch der spektakulär bewölkten Bergwelt des Schweizer Engadins in fast fetischistischer Weise eine tragende Rolle zukommen lässt.

Text: Catherine Newmark

Foto: Pallas Film / NFP / Carole Bethuel

Orte und Zeiten: „Die Wolken von Sils Maria“ im Kino in Berlin

Die Wolken von Sils Maria (Clouds of Sils Maria), Deutschland/Frankreich/Schweiz 2014; Regie: Olivier Assayas; ?Darsteller: Juliette Binoche (Maria Enders), ?Kristen Stewart (Valentine), ?Chloë Grace Moretz (Jo-Ann Ellis); ?124 Min.

Kinostart: Do, 18. Dezember 2014

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