Kino & Stream

Die Zukunft des Deutschen Films

Emilia Schüle

Als Horst Buchholz ein Star wurde, hatte das auch mit einem starken Label zu tun: „Die Halbstarken“ hieß 1956 der Film von Georg Tressler, der ihn berühmt machte und auch zum Vertreter einer ganzen Generation werden ließ. Ähnlich war das Ende der Sechzigerjahre, als Hanna Schygulla die Szene betrat. „Liebe ist kälter als der Tod“ hieß einer der frühen Filme von Fassbinder, ein Titel, den man leicht behält und der auf geheimnisvolle Weise den Ernst und den ästhetischen Willen zum Ausdruck bringt, mit dem im Neuen Deutschen Film ein eigener Weg zwischen Pop und Avantgarde, zwischen Politik und Coolness, zwischen Sex und Crime gesucht wurde. Noch einmal ?20 Jahre später verband sich die Situation auch mit einem prägnanten Begriff, als Christiane Paul bekannt wurde: „Das Leben ist eine Baustelle“, und für eine junge Schauspielerin aus Ost-Berlin gibt es eine Menge zu tun, wenn sie nur patent genug dafür ist.
Drei Beispiele aus der jüngeren deutschen Filmgeschichte erinnern daran, dass es bei einer Karriere immer auch auf den richtigen Moment ankommt: Ein Gesicht muss auf eine Stimmung treffen, eine Haltung auf ein Bedürfnis, ein Zauber auf ein System. Was heißt es heute in Deutschland, ein junger Schauspieler oder eine junge Schauspielerin zu sein? Das ist viel weniger klar als noch zu Zeiten von Buchholz, Schygulla oder selbst Christiane Paul.

Dabei ist unübersehbar, dass es eine erstaunliche Häufung von Talent gibt: Mit großem Selbstbewusstsein, aber auch starker Sensibilität erobert die Generation von 1990 die Leinwände, häufig unter Anleitung von Regisseuren, die zur Zeit der Wende gerade erwachsen wurden, wie Andreas Dresen oder Oskar Roehler. Es ist sicher kein Zufall, dass viele Rollen für die jungen Schauspieler heute im Zeichen der Vergangenheit stehen: Emilia Schüle, die eben noch ein „freches Mädchen“ war, spielt in „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ eine junge Amerikanerin in West-Berlin auf dem Höhepunkt von New Wave. Gordon Kämmerer erinnert in „Dessau Dancers“ daran, dass auch in der DDR die amerikanische Straßenkultur höchst einflussreich war, dass es aber nicht leicht war, einfach nur Breakdancer zu sein. Und auch „Winnetous Sohn“, in dem Alice Dwyer demnächst zu sehen sein wird, hat einen deutlichen Retro-Touch.
Und hat nicht auch das Kino insgesamt eine Anmutung von Retro? Kann man im Zeitalter von YouTube und Vodo, von Netflix und Snapchat noch so richtig Filmschauspieler sein? Die Wahrheit ist, dass Schauspieler heute auf allen Kanälen präsent sein sollen, aber es doch vorerst weiterhin die traditionellen sind, auf die es ankommt: Elisa Schlott hat ein paar schöne Filme gemacht, aber erst ein „Tatort“ hat sie so richtig bekannt gemacht. Jannis Niewöhner hat mit den Fantasy-Filmen „Rubinrot“ und „Saphirblau“ viele Fans gewonnen, ein klassisches Franchise wie Harry Potter, aber doch mit eigener Note. Frederick Lau hat schon so viele Rollen gespielt, dass es fast schwer ist, den Überblick zu behalten. In „Victoria“ von Sebastian Schipper trägt er nun aber zu einem kraftvollen Statement bei, das einen Eindruck davon gibt, was heute Kino sein kann. Der tip präsentiert sechs junge deutsche Stars, sechs Persönlichkeiten, die uns in der Zukunft begleiten dürften. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, ohne demografische Ausgewogenheit, einfach ein Versuch zu verstehen, was heute die viel beschworene „Star-Qualität“ sein könnte.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Harry Schnitger / tip

Lesen Sie hier:

Ein Interview mit Emilia Schüle

Jannis Niewöhner im Porträt

Alice Dwyer im Gespräch

Die Schauspielerin Elisa Schlott

Ein Interview mit Gordon Kämmerer

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