Filmfestival

Die zwei Amerikas: Unknown Pleasures 2018

Die neunte Ausgabe des Festivals Unknown Pleasures mit US-Independent-Filmen reflektiert ein gespaltenes Land

Marjorie Prime, Foto: Jason Robinette

Vor einem Jahr wurde Donald Trump als Präsident der USA angelobt. Bis heute kann man schwer über das Land reden, ohne sein umstrittenes Oberhaupt in Betracht zu ziehen. Dieser Effekt stellt sich selbst bei der Filmschau Unknown Pleasures ein, die auch 2018 wieder einen Überblick über das unabhängige US-amerikanische Filmschaffen gibt. Schon bei dem Begriff „Independent“ denkt man unwillkürlich an die ­Opposition gegen Trump, die sich in vielen Formen mani­festiert. Dabei waren die meisten ­Filme, die Hannes Brühwiler mit einem kleinen Team von Mitarbeitern ausgesucht hat, wohl schon in Produktion, als in Amerika der Wahlkampf zwischen Trump und Hillary Clinton geführt wurde.

Wenn man dann aber „Princess Cyd“ sieht, den diesjährigen Eröffnungsfilm, dann tauchen doch sofort vielfältige Resonanzen auf: das liberale, intellektuelle Milieu Chicagos, in dem der Film von Stephen Cone spielt, erscheint in einem sehr grundlegenden Sinn als demokratisch. Und die Hauptfigur Cydney, eine Teenagerin, die bei ihrer Tante, der Schriftstellerin Miranda, unterkommt, ist in vielerlei Hinsicht eine Vertreterin einer weltoffenen, experimentellen Lebensform, aus der sich gute Filme machen lassen.
Auch die sexuelle Neugierde ist anders strukturiert als es der deklarierte Grapscher im Weißen Haus vorgibt. So sehr man sich also bemüht, den Topos von den zwei Amerikas loszuwerden, der längst vor Trump verfestigt war, so sehr drängt er sich nun doch immer wieder in die Ansicht von Filmen wie „Princess Cyd“ oder „Columbus“ oder „Tonsler Park“ – und selbst ein scheinbar weit von allen politischen Aktualitäten entferntes Experiment wie „Marjorie Prime“ von Michael Almereyda atmet noch jenen liberalen Geist der Ostküste, der von dem Twitter-Baron aus New York so gern der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

In „Marjorie Prime“ verbinden sich zwei ­Zukunftsthemen zu einer eigenwilligen Hommage auf Alain Resnais’ Klassiker „Letztes Jahr in Marienbad“: die zunehmende Alterung der Gesellschaft und das dadurch oft erforderliche „assistierte“ Leben, zu dem hier auch gehört, dass man sich verstorbene Lebensmenschen in virtueller Form wieder ins Wohnzimmer bringen lassen kann.
Michael Almeyreda beschäftigt sich auf Grundlage eines Theaterstücks von Jordan Harrison mit der speziellen Zeitlosigkeit, die im Gedächtnis herrscht, die aber in einer Erzählung, in der es nun einmal nur ein Hintereinander gibt, ein beunruhigendes Durcheinander schaffen kann. Jon Hamm, Darsteller des Don Draper in der Serie „Mad Men“, hat in „Marjorie Prime“ einen interessanten Auftritt als eine Art Roboter, und Geena Davis, die mit „Thelma & Louise“ den Gipfel ihrer Bekanntheit erreichte, eine schöne Charakterrolle.

Unabhängige Filme leben häufig davon, dass Stars sich für ein Projekt interessieren, und Michael Almeyreda, der etwa David Lynch zu seinen Fürsprechern zählen kann, hat schon mit einigen großen Namen gearbeitet. Aber natürlich geht es bei „Independentfilmen“ auch häufig darum, neue Talente zu entdecken oder bekannter zu machen.

In „Columbus“ des Debütregisseurs Kogonada ist die eigentliche Hauptrolle zwar für die gleichnamige Stadt in Indiana (nicht die in Ohio!) reserviert, die wegen ihrer Architektur von herausragendem Interesse ist. Haley Lu Richardson wiederum, die mit Casey eine ­Figur spielt, die Cydney in „Princess Cyd“ in vielerlei Hinsicht ähnelt, ist eine Darstellerin, die sehr stark eine Aura von (sich entwickelnder) Unabhängigkeit ausstrahlt – eine der Pointen dieser leisen Geschichte ist dabei, dass die männliche Hauptrolle mit John Cho besetzt ist, dem Sulu aus der Neuauflage der „Star Trek“-Filme. Das ist ein ziemlich guter, ironischer Aspekt in einem Film, der nach einer Balance zwischen Modernität (die berühmten Gebäude in Columbus) und Klassik (die Frage nach dem richtigen Leben in prekären Zusammenhängen) changiert.

Eine der pointiertesten Arbeiten aus dem diesjährigen Programm hat schließlich in dem denkbar direktesten Sinn mit Donald Trump zu tun: Kevin Jerome Everson hat den Dokumentarfilm „Tonsler Park“ am Wahltag gedreht, im Bild sind nahezu die ganze Zeit Beisitzer, die bei der Stimmabgabe nach dem Rechten sehen. Die regionalen Umstände dort, wo Everson gedreht hat, brachten es mit sich, dass ausschließlich Afroamerikaner im Bild sind. Das Wahlergebnis stand beim Dreh ­natürlich noch nicht fest, ohnehin geht es in „Tonsler Park“ aber vor allem um die Würde dieses demo­kratischen Akts, der durch das Schwarzweißmaterial ästhetisch wie auch politisch mit großen Traditionen des dokumentarischen Kinos (Frederick Wiseman) wie auch der poli­tischen Emanzipation (die Bürgerrechts­bewegung ist weitgehend in Schwarzweiß ins visuelle Gedächtnis eingegangen) verbunden wird. „Tonsler Park“ handelt zugleich von ­einem historischen Moment, dessen Folgen uns gegenwärtig beschäftigen, wie auch von einer längeren Tradition, die helfen kann, ­diese Folgen wieder in den Griff zu kriegen.

Damit erweist sich das (unabhängige) US-Kino nicht nur hier als urdemokratische Institution – nicht in einem parteipolitischen Sinn, sondern in einem viel grundlegenderen. Und „Unknown Pleasures“ erweist sich erneut als zeitgenössisches Filmfestival par excellence.

Unknown Pleasures 12. – 28.1., www.unknownpleasures.de

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