Kino & Stream

Digitale Revolution in der Berliner Kinolandschaft

Ulrich und Erika Gregor

2012 wird das Jahr des D-Cinemas. Der Technologiewechsel ist da, die ersten US-Firmen starten ihre Neuproduktionen nur noch von der Festplatte und von den Kinos am Potsdamer Platz bis zu denen an der Peripherie werden Filme jetzt digital vorgeführt. Das Publikum hat davon kaum etwas mitbekommen, es sei denn, es wollte eine Retrospektive mit klassischen Kinofilmen sehen und bekam stattdessen DVDs auf die Leinwand gebeamt, was weder mit Kino noch mit D-Cinema etwas zu tun hat. Bei den digitalen Neustarts erfreut die Zuschauer die Bildqualität, die auch in der vierten Startwoche noch so brillant ist wie am ersten Tag. Keine Laufstreifen und kein Tonknacker trübt den Spaß. Und dass das gespiegelte Bild des D-Cinemas in Farbigkeit und Kontrasten anders aussieht, als das einer durchleuchteten PVC-Kopie, gehört eher zu den akademischen Überlegungen eingefleischter Analog-Fans. Allein die Flut des 3D-Angebots konnte überraschen. Sie war das sichtbarste Zeichen der digitalen Revolution in der Vorführkabine – 3D können jetzt auch die kleinen Kinos. Aber wo sitzen die wirklichen Gewinner der Digitalisierung?
Rainer RotherUnter den ersten Berliner Kinos mit digitaler Projektion war der Astra Filmpalast in Johannisthal. Das seit 1924 bestehende Kino baute im Sommer 2009, zum Start von ICE AGE, den ersten Christie D-Projektor ein, drei weitere folgten im November. Da startete in Treptow „Avatar“. Mittlerweile werden alle fünf Säle digital bespielt. Ein einziger 35mm-Projektor staubt traurig in der Ecke des zen­tralen Vorführraums herum. Wer hier steht, merkt schnell, dass D-Cinema mehr ist als eine bessere DVD-Projektion. Die Belüftung heult, der Server rauscht, leise wimmern Filmtöne durch den Maschinenlärm. Die Filme, die hier starten, kommen meist in Plastikkoffern ins Kino, die aussehen, als hätte der Vorführer seine Bohrmaschine von zu Hause mitgebracht. Festplatte und Netzteil werden so verpackt. Vier Kilo wiegt so ein Köfferchen, rund 25 kg wiegt eine 35mm Kinokopie. Digital Cinema Package, DCP, heißt das Format, auf das sich die Branchenführer geeinigt haben. Mit ihm lassen sich alle gängigen Bild- und Tonformate projizieren, das heißt auch alle Dolby- oder SDDS-Spezifikationen des jeweiligen Kinos können berücksichtigt werden. Eine Bildauflösung von 2K sind Standard, 4K leisten sich einige Festivalkinos, 3D kostet rund 20?000 Euro extra.
Das Geld für den Umbau, immerhin zwischen 70 bis 90?000 Euro pro Saal, hat der Astra Filmpalast, so Theaterleiter Konstantin Specht, mit seinen Teilhabern selbst aufgebracht. Für Unterstützung aus öffentlichen Mitteln, wie sie unabhängigen Kinos zur Verfügung stehen, macht der Filmpalast zu viel Umsatz und von Zuschüssen großer Verleiher mochte Specht sich nicht abhängig machen, „weil das“, wie er meint, „die Freiheiten eines Kinobetreibers doch arg einschränkt.“ Manche Kinoketten haben mit Großverleihen Einzelverträge geschlossen, die ihnen eine Art Baukostenzuschuss zahlen. Weil die Verleihe den vereinbarten Betrag jedoch nicht im Stück zahlen, sondern pro digitalem Neustart ein paar Hundert Euro überweisen bis die zugesagte Summe abgestottert ist, wird für den Umbau eine Zwischenfinanzierung nötig. Das ist manchen Kinobetreibern zu teuer.
Für Programmkinos, kommunale sowie kleine, unabhängige Kinos gibt es ein Bündel von Fördermaßnahmen. Christian Berg, der Kinobeauftragte des Medienboards Berlin Brandenburg, hilft solchen Kinos. „Also das wichtigste Kriterium ist ein kontinuierlicher Spielbetrieb. Und damit fallen natürlich alle Sommer- und Open-air-Kinos raus, obwohl die natürlich auch ein Digitalisierungsproblem haben.“ Berg ist trotzdem überzeugt, dass es gelingen wird, die bestehende Kinolandschaft zu erhalten. Das ist eine Ansage, denn das Medienboard ist nicht nur für die Kinohochburg Berlin zuständig, sondern auch für das Flächenland Brandenburg, wo viele Kinobetreiber auch schon vor der Digitalisierung finanziell mit dem Rücken zur Wand standen. „Der Grundsatz dabei ist, dass wir uns um alle Kinos kümmern, die es aus eigener wirtschaftlicher Kraft nicht schaffen.“ Christian Berg hat viel erreicht. Das Medienboard hilft sowohl bei der direkten Förderung der Kinos (Maximalbetrag: 21?600 Euro), als auch bei der Zwischenfinanzierung der Verleihunterstützung, wo das Medienboard ein praktikables Finanzierungsmodell etablierte.
Durch das Fördernetz fallen derzeit Kinos wie die Brotfabrik. Deren kultureller Stellenwert steht zwar außer Frage, die Brotfabrik hat aber zu wenig Zuschauer, um gefördert zu werden. Dabei hat man dort schon länger eine digitale Projektion, die jedoch nicht dem DCP-Standard entspricht. Für das Brotfabrik-Programm, das oft jenseits klassischer Verleihwege stattfindet, ist diese Technik ein Segen. Trotzdem sieht Kinomacher Claus ­Löser, dass es „mittelfristig ein Problem für die Brotfabrik“ gibt. Denn aktuelle Major-Filme können bald nicht mehr gezeigt werden. Loeser setzt trotzdem auf die Hybrid­lösung, er will auch in Zukunft weder auf die digitale Projektion noch auf klassische analoge Technik verzichten. „Wir verhalten uns vollkommen antizyklisch. Demnächst haben wir auch wieder eine 16mm-Projektion.“ Damit können jetzt endlich wieder Filme des Dokumentar- und Undergroundfilmers James Benning gezeigt werden, die gibt es nur als 16mm-Kopie.

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Foto unten: David von Becker

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