Dokumentarfilm

„Dil Leyla“ im Kino

„Danach war die gute Energie weg“ – In ihrer Dokumentation „Dil Leyla“ porträtiert die Berliner Filmemacherin Aslı Özarslan die kurdische Bürgermeisterin der türkischen Kleinstadt Cizre und deren Probleme nach der Parlamentswahl 2015

Foto: Essence Film

Als im Juni 2015 die Demokratische Partei der Völker (HDP) bei den Parlamentswahlen in der Türkei ein unerwartet gutes Ergebnis mit mehr als 13 Prozent der Stimmen erreichte, da hofften viele auf bessere Zeiten. Endlich war auch der kurdisch geprägte Osten des Landes gut vertreten, und Präsident Erdoğan würde es mit einer starken Opposition zu tun bekommen. Doch der Optimismus wurde schnell enttäuscht, denn es begann eine neue Zeit der Repressionen. Unmittelbar davon betroffen war auch die Kleinstadt Cizre, nicht weit von der Grenze zum Irak. Mit Cizre hatte es eine besondere Bewandtnis: Die junge Bürgermeisterin Leyla Imret, Tochter eines prominenten kurdischen Kämpfers, hatte viele Jahre als Asylwerberin in Deutschland gelebt. Die Berliner Dokumentarfilmerin Aslı Özarslan war durch eine Zeitungsnotiz auf sie aufmerksam geworden und wollte mehr über diesen Fall wissen. „Warum geht eine junge Frau, die mehr oder weniger in meinem Alter ist, in eine Kurdenhochburg, um Politikerin zu werden?“

Die Antwort gibt der Film „Dil Leyla“, auch wenn es nicht immer nur eindeutige Antworten sind. Leyla Imret bekommt in Deutschland endlich die ersehnte Aufenthaltsgenehmigung und geht dann doch zurück in die Türkei, weil sie sich nach ihrer Heimat und ihrer Familie sehnt, und weil sie eine Chance sieht, die Situation zu verbessern. „Obwohl Leyla als Bürgermeisterin eigentlich nur für die Infrastruktur zuständig war“, erzählt Aslı Özarslan, „hat sie immer mehr gemacht. Sie hat die ganze Zeit Parks bauen und Bäume pflanzen lassen. Sie wollte die Narben ihrer Kindheit verdecken, einen neuen Alltag in die Stadt bringen und auch für sich einen Alltag schaffen, weil viele Jahre lang alles so stark vom Krieg (zwischen der türkischen Armee und den Guerillakämpfern von der PKK, Anm.) geprägt war. Sie wollte ein ganz normales Leben führen. Und sie brachte eine unglaublich gute Energie.“

Der Umschwung, von dem auch der Film „Dil Leyla“ geprägt ist, kam mit den Wahlen von 2015. „Schon vor den Wahlen war die Stimmung ganz anders, alles unglaublich angespannt. In Diyarbakir, der Hauptstadt der Kurdenregion in der Osttürkei, gab es einen Anschlag. Wir mussten damals die Dreharbeiten vorerst abbrechen. Der Film besteht genau aus zwei Teilen, danach war die gute Energie weg.“

Für Aslı Özarslan ist die Geschichte von Leyla Imret ein gutes Beispiel dafür, warum sie Dokumentarfilmerin geworden ist. „Ich habe auch als Journalistin gearbeitet und tue das weiterhin ab und zu, aber ich wollte längere Geschichten erzählen, wollte in Leben eintauchen und versuchen, Dinge zu verstehen. Diese Möglichkeit habe ich für mich im Dokumentarfilm gesehen: über alltägliche Situationen politische Dinge zu erzählen, vom Kleinen ins Große zu gehen.“ 2014 hat sie in dem Film „Insel 36“ die Situation einer sudanesischen Aktivistin in dem Camp auf dem Oranienplatz gezeigt, „ganz im Stil von Direct Cinema, also nur Beobachtung und Gedanken der Protagonistin“.
Für „Dil Leyla“ hat Aslı Özarslan wieder eine herausragende Protagonistin gefunden, und geriet dabei mitten in die Weltpolitik. Denn im Juni 2015 begann, obwohl das Wahlergebnis zunächst in die andere Richtung zu weisen schien, der Aufstieg des Autokraten Erdoğan erst so richtig. Eines der Opfer war Leyla Imret, zu der Aslı Özarslan aktuell keinen Kontakt hat: „Ich weiß nicht, wo sie ist. Sie darf das Land nicht verlassen. Ich habe keinen Kontakt zu ihr, weiß aber von der Familie, dass es ihr gut geht. Sie selbst hat den Film leider noch nicht gesehen.“

Dil Leyla D 2016, 71 Min., R: Aslı Özarslan, Start: 6.7.

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