Drama

„Djam“ im Kino

Freiheitsdrang vs. Abgrenzung, Lebenslust vs. Stillstand: Gatlif schickt dabei seine Hauptdarstellerinnen entlang der Migrationsroute Türkei-Griechenland, die viele Flüchtlinge bereisen

Princes Production

Zu melancholischen Klängen tanzt und singt ein junges Mädchen leidenschaftlich gegen einen Zaun im Niemandsland an. Mit dieser wunderschönen Eröffnung bringt Tony Gatlif die Essenz seines neuen Filmes „Djam“ grandios auf den Punkt: Freiheitsdrang vs. Abgrenzung, Lebenslust vs. Stillstand. Und nebenbei, ganz geschmeidig, führt er in dieser Szene seine Hauptfiguren ein, die den Film mit großer Leichtigkeit tragen: das junge Mädchen Djam, eindrucksvoll gespielt von der Entdeckung Daphné Patakia, und dazu die Musik: der Rembetiko, der Blues des griechischen Subproletariats, der seine erste Blütezeit in den griechischen Hafenstädten der 1920er-Jahre erlebte.

Djam lebt auf Lesbos und wird von ihrem stinkstiefeligen Onkel, der sich mit einem kleinen Schiffsbetrieb im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser hält, nach Istanbul geschickt, um dort ein Ersatzteil für sein Boot zu besorgen. In Istanbul nimmt sie die gleichaltrige Französin Avril unter ihre Fittiche, die, mit Ambitionen als Flüchtlingshelferin in die Türkei gekommen, jämmerlich gestrandet ist. Es beginnt die Odyssee der beiden Mädchen zurück nach Griechenland.

Gatlif schickt dabei seine Hauptdarstellerinnen entlang der Migrationsroute Türkei-Griechenland, die viele Flüchtlinge bereisen. Diese realen Orte des Exodus, ein verlassener Bahnhof, ein riesiger Haufen zurückgebliebener Rettungswesten an der Küste, hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Zudem kommt es für die beiden jungen Frauen immer wieder zu Begegnungen mit der harten griechischen Lebensrealität, Momentaufnahmen eines Volkes, „das von der Macht des Geldes zur eigenen Beerdigung gedrängt wird“, wie es Gatlif selbst prägnant formuliert. Dem steht das Erinnern und Bewahren der eigenen Kultur gegenüber, hier durch den Rembetiko, der alle Lebensfacetten widerspiegelt. Mit „Djam“ erweist sich Tony Gatlif einmal mehr als ein europäischer Regisseur des kulturellen Austausches, dem das sich abschottende Europa dieser Tage immer fremder wird. Andreas Döhler

Djam F/GR/TK 2017, 97 Min., R: Tony Gatlif, D: Daphné Patakia, Simon Abkarian, Maryne Cayon, Kimon Kouris, Start: 26.4.

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