• Kino & Stream
  • „Django Unchained“ von Quentin Tarantino im Kino

Kino & Stream

„Django Unchained“ von Quentin Tarantino im Kino

Django Unchained

Im Wilden Westen trieben sich seinerzeit alle möglichen dubiosen Gestalten herum. Bei dem aus Düsseldorf stammenden Dr. King Schultz, der in Quentin Tarantinos „Django Unchained“ zu Beginn des Weges kommt, könnte man an den Quacksalber aus „Little Big Man“ denken oder an einen der Sonderlinge, die in den Karl-May-Western herumbotanisieren. Doch Tarantino geht noch ein bisschen weiter. King Schultz ist einerseits ein recht gewöhnlicher Kopfgeldjäger, andererseits so etwas wie ein Dandy im falschen Film.
Christoph Waltz, der schon in „Inglorious Basterds“ aus jeder Szene eine Show gemacht hat, ergeht sich hier geradezu genüsslich darin, den nicht ganz so hellen Nebenfiguren von „Django Unchained“ kleine Lektionen ihrer Beschränktheit zu geben. Schultz kommt eben aus einer Kulturnation, auch wenn Quentin Tarantino diese eher mit Alfred Vohrer als mit Alexander Kluge assoziiert.
Django UnchainedKing Schultz ist, wie der Titel es andeutet, nicht die Hauptfigur. Diese ist ein Sklave namens Django (Jamie Foxx), den der Düsseldorfer unter seine Fittiche nimmt, um ihn zum Partner beim Kopfgeldjagen auszubilden. Django hat aber auch noch eine eigene Mission, und diese macht Schultz sich bald zu eigen. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Broomhilda, der Frau von Django, die ihren nicht alltäglichen Namen (und ihre für die Handlung relevanten Deutschkenntnisse) der Tatsache verdankt, dass sie einmal einer deutschen Familie gehört hat. Durch seine Suche nach ihr wird Django zu einem Siegfried und der Film zu einem Beispiel ironischer Mythologie. Das Ziel dieser Mythologie ist deutlich: Tarantino will das Western-Genre und insbesondere die sogenannten Spaghetti-Western im Sinne einer marginalisierten Minderheit umwidmen. Die Figur des Django, die von Franco Nero populär gemacht wurde, wird afroamerikanisiert, und die „Entkettung“ des neuen Django dient einer Strategie des „empowerment“, also der Ermächtigung, die allerdings deutlich von weißer Herren Gnaden ist. Wie schon in „Inglorious Basterds“, in dem Tarantino es den Nazis gründlich heimzahlte, dabei aber die jüdische Heldin Shoshanna in den Schatten des „Indianers“ Brad Pitt stellte, ist auch „Django Unchained“ von einer eigenartigen Ambivalenz hinsichtlich der Heldenfunktion geprägt. Das hat mit der komplizierten Intrige zu tun, die zur Auffindung von Broomhilda in die Wege geleitet wird. Schultz und Django „spielen“ dafür eine Rolle, nämlich die eines Herren mit seinem Diener. Dass Django dabei neben seinem Dienstherrn herreitet, ist für die Leute im Süden der Vereinigten Staaten bereits skandalös genug: „A n***a on a horse?!“
Das ominöse Wort, das heute nicht mehr statthaft ist, fällt in „Django Unchained“ in rascher Folge, und das hat nicht nur mit einem Realismus der rassistischen Umstände zu tun, sondern eben auch mit der für Tarantino typischen Gratwanderung, die seit „Reservoir Dogs“ darin liegt, grenzwertige Figuren in ihrer ganzen Arglosigkeit ironisch aufeinander zu beziehen. Das hat etwas von Marionettentheater mit Quasselpuppen und führt auch in „Django Unchained“ dazu, dass eine Figur wie der Südstaatenpopanz Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) sich wichtig machen kann, weil er als lächerliche Figur mehr hergibt als der coole Django. Die interessanteste Figur des Films ist diejenige, für die Tarantino schließlich nur eine fade Lösung einfällt: Der Haussklave Stephen (Samuel L. Jackson) ist die eigentliche Gegenfigur zu Django, der schließlich als schwarzer Siegfried einen grotesken Showdown veranstaltet, gegen den selbst Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ friedlich wirkt.
Wie schon bei „Inglorious Basterds“ bleibt der Eindruck einer verpassten Chance: Tarantino fehlt das richtige Maß, seine guten Ideen ersticken in zu viel Ironie, dem einzigen Privileg, das den weißen Männern noch bleibt.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Django Unchained“ im Kino in Berlin

Django Unchained, USA 2012; Regie: Quentin Tarantino; Darsteller: Jamie Foxx (Django), Christoph Waltz (Dr. King Schultz), Leonardo DiCaprio (Calvin Candie); 165 Minuten; FSK 16

Kinostart: 17. Januar

Mehr über Cookies erfahren