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Dob Dylan: Tempest

Bob DylanDie bloße Ankündigung seines 35. Studio­albums rief Jubelrufe hervor – das war nicht immer so. In seiner nunmehr 50-jährigen Karriere brachte der weltweit einflussreichste und höchstdekorierte Singer-Songwriter die Fangemeinde immer wieder gegen sich auf. Dylan verstörte mit elektrisch verstärkten Gitarren, Ausflügen in die Country-Szene oder einer Hinwendung zum Christentum.
2012 aber sind alle Zweifel behoben. Zehn Songs hat der seit 20 Jahren unentwegt Tourende mit seiner bestens eingespielten Live-Band aufgenommen. Ein Ritt durch die amerikanische Musikgeschichte, vom Meister selbst produziert. Wie schon auf den drei vorangegangenen Alben schaukeln sich Bob und seine Begleiter geschmeidig durch Swing, Blues, Country, Western und Folk. Mit heiserer Stimme raunt der 71-Jährige das neue Material in die Welt. Dylans Songs wurzeln dabei mittlerweile nicht mehr im uramerikanischen Mythos, sie wurzeln in seinem eigenen Werk. Er selbst ist zum Mythos gereift. Die archaischen Bilder von Blut und Gewalt, Leitmotive des Albums, gehen auf die biblische Wucht der späten 70er zurück, der Folk auf die Anfangszeit und der Western-Swing auf die Spätphase, die mit „Love and Theft“ begann. Nur „Early Roman Kings“ nimmt direkten Bezug auf Muddy Waters‘ Blues-Klassiker „Mannish Boy“.
Mögen Bibel und Blues dominieren, „Tempest“ ist kein religiöses Album, eher eines, das von der Endlichkeit erzählt, von großen Ideen und Hoffnungen, die ein jähes Ende fanden, so wie im Titelstück, einem knapp 14-minütigen Epos über den Untergang der Titanic, und wie bei „Roll On John“, einer Hommage an den 1980 ermordeten Ex-Beatle John Lennon.
Der Gedanke, es könnte sich um Dylans letzte Arbeit handeln, auch weil Shakespeares letztes Drama „The Tempest“ heißt, mag deshalb naheliegen. Doch Bob Dylan tat nur selten das, was alle Welt von ihm erwartete.

Text: Jacek Slaski

tip-Bewertung: Herausragend

Bob Dylan, Tempest (Sony)

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