Filmfestival

Gedächtnis und Erinnerung: Doku.Arts 2016

Das 10. Filmfestival Doku.Arts blickt erneut auf Künstler, auf echte und erdachte Bilder

Notes On Blindness
Foto: Peter Middleton, James Spinney

Kunst sollte nicht von Kunst handeln, sondern vom Leben.“ Das zumindest war früher die Überzeugung des Dokumentaristen Ross Lipman. Zum Glück sieht er das heute anders und kann so die ­mittlerweile 10. Ausgabe des Filmfestivals Doku.Arts mit ­einem abendfüllenden Film über ­einen Kurzfilm bereichern. „Notfilm“, so sein provokanter Titel, erzählt in 128 Minuten von dem 22-minütigen Werk „Film“, das 1964 den einzigen Ausflug des Dramatikers Samuel Beckett („Warten auf Godot“) in die Welt des Films markierte. In der Hauptrolle: der große Stummfilmkomiker Buster ­Keaton.

Nicht nur zeichnet Lipmans Filmessay die Entstehungsgeschichte des singulären Werkes nach, wobei er aus dem Briefwechsel der Beteiligten zitiert, zu denen auch der legendäre Kameramann Boris Kaufman und der Filmproduzent und Verleger („The Grove Press“) Barry Rosset gehörten, auch nimmt er sich Zeit für erhellende Exkurse zur Stummfilmkomik und zum Werk Becketts. Rosset und der mit ihm befreundete Kameramann Haskell Wexler, beide verstorben, sind in späten Interviews zu erleben, die – im Abstand von 50 Jahren zu den damalige Ereignissen – auch die Frage nach Gedächtnis und Erinnerung aufwerfen.

Gedächtnis und Erinnerung – das ­könnte man als Motto des diesjährigen Filmprogramms sehen, das 22 neue Essayfilme vorstellt, oft als deutsche Premieren und in Anwesenheit der Filmemacher. So erinnert sich der 2011 verstorbene Filmregisseur Sidney Lumet in dem fast zweistündigen Interviewporträt „By Sidney Lumet“ von Nancy Buirski  an seine ersten Erfahrungen als Kinderdarsteller auf New Yorker Bühnen. Einer der stärksten Filmausschnitte in ­diesem Dokumentarfilm, die in wohltuender Ruhe die Aussagen Lumets mit ­Ausschnitten aus vielen seiner Filme ergänzt, ist die lange ­Szene, die sich ganz auf das sich im Schmerz verändernde Gesicht Rod Steigers konzentriert, der in „The Pawnbroker“ einen Holocaust-Überlebenden verkörpert. Erstaunlich, dass Lumet nie einen Oscar für die beste Regie entgegennehmen durfte.

Handelt dieser Film, wie auch die über den Avantgardefilmer Paul Sharits oder den Fotografen Josef Koudelka, vom Bilder­machen, so werfen andere die Frage auf: Wie zeigt man etwas, von dem es keine Bilder gibt? Etwa, wenn die Protagonisten erblindet sind. „Notes on Blindness“ (Foto) lässt Sätze aus dem Audiotagebuch des Theologen John Hull von Schauspielern nachspielen. ,,Black Sun“ versucht, die Aussage des Malers Hugues de Montalembert, „mein Gehirn p­roduzierte automatisch Bilder, ich machte Filme in meinem Kopf“, visuell umzusetzen. Und der Filmemacher Rithy Panh, für den das Wachhalten der Erinnerung an den Völkermord durch die Roten Khmer in Kambodscha eine Lebensaufgabe geworden ist (auch, weil es davon kaum Bilder gibt), findet in „Exil“ eine Mischung aus dokumentarischen und inszenierten Szenen, aus eigenen Reflexionen und altem Propagandamaterial.

Es ist dieses Zusammenfügen von auf den ersten Blick so disparatem Material, das das Besondere vieler der gezeigten Filme ausmacht. So auch in Nelson Carlos de los ­Santos Arias’ „Santa Teresa y otras historias“, der Dokumentarisches (eine Mordserie an Frauen in einer mexikanischen Grenzstadt) mit dessen fiktiver Verarbeitung (Roberto ­Bolanos’ Roman „2666“) zu einem bildgewaltigen experimentellen Neo Noir verknüpft.

Doku.Arts Zeughauskino, 6.-23.10., ganztägiges Symposium am 7.10. www.doku-arts.de

Mehr über Cookies erfahren