Kino & Stream

Doku.Arts im Zeughauskino

Back Story

Die modernen Künste sind nicht immer leicht zu verstehen. Sie beruhen auf handwerklichem Können, manchmal aber auch auf Ideen, die auf den ersten Blick seltsam erscheinen und die Grenzen zwischen Können und Behaupten verschwimmen lassen. Das Festival Doku.Arts im Zeughauskino bietet in den kommenden vier Wochen einen vielfältigen Überblick über Schaffensprozesse und Kunstformen. „Prozess und Gedächtnis der Künste“ lautet der Untertitel, dahinter verbirgt sich ein sehr weiter Begriff von Kunst, zu dem der Kurator Andreas Lewin brasilianischen Bossa Nova, russische Lyrik oder buddhistische Sandmalerei zählt. Einige Schwerpunkte im Programm führen auf zum Teil kaum (mehr) bekanntes Territorium: Der brasilianische Filmemacher und Videokünstler Arthur Omar zählte in den 1970er-Jahren zur Avantgarde seines Landes, und es wird höchst spannend sein, nun einen Einblick in sein neueres Schaffen zu bekommen. Dazu kommen eine ganze Reihe weiterer Momente aus der diffizilen Kunstgeschichte Brasiliens, das in wenigen Jahrzehnten von einer brutalen Militärdiktatur zu einer auch kulturellen Großmacht geworden ist – ein Prozess, der hier mit Arbeiten aus 80 Jahren erschlossen wird.
Der Kanadier Mark Lewis wiederum beschäftigt sich in seinen filmischen Arbeiten immer wieder mit technischen oder anderen Aspekten der Filmgeschichte. Bei Doku.Arts wird er persönlich mit einem Vortrag auftreten, in dem er das Erbe der Lumiиre-Brüder für die heutigen filmischen Beschäftigungen mit alltäglichen Momenten fruchtbar zu machen versucht. Dazu läuft ein Lewis-Porträt von Reinhard Wulf, sowie der Film „Back Story“ (Szenenbild), in dem der Künstler sich mit dem Effekt der Rückprojektion beschäftigt, der im klassischen Hollywood sehr häufig eingesetzt wurde (heute fällt das nicht mehr so auf, weil die digitale Technik sie unsichtbar gemacht hat).
Im Grunde macht fast jeder einzelne Titel bei Doku.Arts neugierig, ob das nun das Porträt des Malers Liu Xiao-Dong ist („Hometown Boy“ zeigt ein vielschichtiges Bild der chinesischen Provinz), ein Porträt der Choreographin Tanja Liedtke, des sowjetischen Ausnahmeregisseurs Mikhail Kalatozov oder des indischen Malers Nainsukh. In vielen Fällen sind die Leute hinter der Kamera selbst Künstler, und so entstehen interessante Dialoge zwischen den verschiedenen Formen. Der Schriftsteller W.G. Sebald war auch einer dieser Grenzgänger, ein schreibender Wanderer, der seine Texte mit Bildern und Fundstücken anreicherte. Grant Gee ist für „Patience (After Sebald)“ die Wege nachgegangen, die Sebald in der englischen Provinz rund um Norwich gegangen ist und auf denen er sein melancholisches Geschichtsbild ausgeprägt hat. So wird Kunst nachvollziehbar, und Doku.Arts betreibt im besten Sinne Kunstvermittlung.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Mark Lewis Studio

Doku.Arts, Mi 19.9.?–?So 14.10., Filmreihe im Zeughauskino

www.doku-arts.de

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