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Dokumentation „Ehre“

EhreDie Idee der Ehre erscheint in Zeiten des anonymisierten und virtuell vervielfältigten Individuums als Atavismus, der sich nur noch in gesellschaftlichen Randbereichen hält. Regisseurin Aysun Bademsoy veranschaulicht in „Ehre“ die Folklorisierung des Begriffs durch eine unvermittelte Bildklammer, die ein öffentliches Gelöbnis der Bundeswehr im Berliner Regierungsviertel zeigt. Denn während der institutionell begründete militärische Ehrbegriff klar definiert ist, schlagen sich die Protagonisten ihres Dokumentarfilms mit einer diffus gefühlten, aber umso wirkungsvolleren sozialen Ordnungsgröße herum.

Die Jungs mit echtem oder gefühltem Migrationshintergrund mühen sich beim Anti-Gewalt-Training um eine Begründung dessen, woran sich ihr Handeln in oft so fataler Weise orientiert. Denn eine andere Orientierung kennen sie nicht. Vor der Kamera fühlen sie sich ernst genommen, wagen den Schritt von der Selbstdarstellung zur Selbstbefragung. Ihnen dabei zuzusehen ist manchmal unterhaltsam, manchmal schmerzhaft, aber immer spannend. Es gelingt dem Film, hinter den grellen Schlagzeilen der Ehrenmorde eine um die Kontrolle über den weiblichen Körper angeordnete Affektlogik herauszuarbeiten, die von einem liberalen Weltbild nur schwer zu entkräften ist.    

Text: Stella Donata Haag
Foto: Farbfilm Verleih
tip-Bewertung: Sehenswert

Ehre im Kino in Berlin
Deutschland 2011;
Regie: Aysun Bademsoy;
87 Minuten; FSK k.A.;
Kinostart: 31. Mai

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