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Du bist Berlin: Dror Zahavi – Der Vermittler

Dror Zahavi

Freudig begrüßt der junge Kellner hinterm Tresen seines Stammcafйs nahe dem Savignyplatz Regisseur Dror Zahavi, der sich seit über zehn Jahren im Kiez heimisch fühlt. Das war anfangs ganz und gar nicht so. Durch seine arme, aber glückliche Kindheit in den Slums von Tel Aviv geprägt, entwickelte er Ressentiments ge­gen­über Deutschland, wie sie „bis heute noch viele meiner Verwandten haben, die sich weigern, auch nur einen Fuß nach Deutschland zu setzen“, wie er berichtet. Es waren ökonomische Gründe, ein Stipendium, das ihn 1982 dazu bewog, in Ostdeutschland an der renommierten Konrad-Wolf-Filmhochschule zu studieren. Erfolgreich – schon sein Abschlussfilm „Alexander Penn – ich will sein in allem“ von 1988, einem Porträt über den israelischen Dichter, erhält internationale Aufmerksamkeit und wird sogar für den Studenten-Oscar nominiert.
Dass gute 20 Jahre ins Land zogen, ehe der nun bald 50-Jährige dieser Tage mit dem Drama „Alles für meinen Vater“ ein spätes Leinwanddebüt nach unzähligen erfolgreichen Fernsehfilmen vorlegt, passt zu dem wohltuend bescheidenen Filmemacher, der sich so deutlich von den vielen Egomanen des Business unterscheidet. Sein Weg scheint steiniger als der vieler jung zu Stars gehypter Kollegen. Denn die Oscar-Nominierung öffnete ihm nicht wie mit Zauberhand verschlossene Türen. Zahavi kehrte mit seinem Abschluss zurück in die Heimat nach Tel Aviv. Die Stadt, die er „liebt, weil sie so intensiv und lebendig ist“, wo er für eine Zeitung Filmkritiken schrieb.
Doch nur wenig später führte ihn das Schick­sal nach Berlin zurück, um über den Fall der Mauer und die Wende zu berichten. Zurück in Israel, findet er schließlich keine passende Arbeit im Filmgeschäft. Finanzielle Schwierigkeiten und die Hoffnung auf die alten Hochschulkontakte bringen ihn 1991 endgültig nach Berlin zurück, wo er seither lebt.
Dror ZahaviNatürlich lässt den Wanderer zwischen den beiden Ländern in Berlin auch weiterhin die Heimat nicht los, und folgerichtig thematisiert sein Debüt „Alles für meinen Vater“ den politischen Konflikt zwischen Israel und Palästina, der seinen Film in Sachen Brisanz mit dem neuerlich entfachten Krieg zwischen den unversöhnlichen Völkern sogar noch einholte. Mit seiner Liebesgeschichte um den Palästinenser Tarek, der eigentlich als Selbstmord­attentäter die Ehre der Familie wiederherstellen will, aber durch einen Zufall seine potenziellen Opfer nicht nur kennenlernt, sondern sich sogar in die Jüdin Keren verliebt, bricht er zahlreiche Tabus. Nicht nur die Liebe zwischen „Araber und Jüdin, die in der Rea­lität nur sehr selten Kontakt haben“, wie er erklärt, sondern auch seine Kritik an Religion und Armee brachten Zahavi den Vorwurf ein, die schmutzige Wäsche des Landes in aller Öffentlichkeit zu waschen. Doch gerade trotz der Boykott-Aufrufe und zahlreichen Störungen der Dreh­arbeiten in Tel Aviv empfindet er „den Film als Beweis einer einigermaßen funktionierenden Demokratie in Israel, da der Film von der nationalen Filmförderung profitierte, was es auf der palästinensischen Seite nicht gibt“. Trotz der internationalen Aufmerksamkeit, die er mit der „weltweiten Sehnsucht nach der Lösung unseres Konflikts“ begründet, die dem Film auch einige Filmpreise einbrachte, bekennt er: „Ich bin Realist. Ich weiß, dass Filme die Realität nicht verändern können.“ Kurz darauf merkt er an, dass Filme eben auch „die Herzen der Menschen erweichen können und sie zum Nachdenken bringen“.
Dank dieser Einstellung zum Leben überwand Zahavi letztlich die eigenen Vorurteile und liebt Berlin „wie seine Heimat Tel Aviv“, wo er längst nicht mehr wie anfangs jedem Menschen über 65 wegen einer möglichen Kriegsvergangenheit miss­traut. Im Ge­genteil, heute schwärmt er „von der Haltung der deutschen Au­ßenpolitik“ und empfindet „Nationen mit Minderwertigkeitskomplexen wie Deutschland sympathisch“, da „die deutsche Vergangenheit ein Schutz vor Nationalismus und einer Wiederholung solcher Verbrechen wie im Zweiten Weltkrieg“ sei.

Text: Denis Demmerl

Fotos: Jens Berger

Lesen Sie hier: Die Filmkritik zu Dror Zahavis Film „Alles für meinen Vater“

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